Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1928-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1928) · p. Seite 401

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1928)
Article
Die Seele des Juden und das Buch
Date
1928-06-01
Page
Seite 401 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2912821-2912879-2912886-2922188--06798-2922323
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE SEELE DES JUDEN UND DAS BUCH 401 Moderne gern hin, da seit Sturm und Drang jede Moderne in Deutschland auf Sprachdurchbruch und Wortauffrischung steht; und was Geist anlangt, so ist vielen Juden die Vergeistigung der Welt beinahe gleichbedeutend mit Verheimatlichung — so sehr ist der machtloseste und gewaltloseste der menschlichen Stämme auf die menschliche Anstrengung angewiesen, die Erde urbar zu machen auch zwischen den leidenschaftstrunkenen Völkern... So ist der Jude als Leser allen zukunftbereitenden Kräften hingegeben und in fast allen Sprachen des Westens und Rußlands gleich willig, die literarischen Kräfte zu stützen wie die wissenschaftlichen. Trost und Kraft zieht der Jude aus dem Buch, Kraft und treue Gefolgschaft das Buch aus dem Juden. Die vierte, erdballumhüllende Dimension, die des Geistigen, die verbindet und nur gemißbraucht trennt — Eingänge in sie münden bei jedem guten Buch, das aufgeschlagen wird. Und die guten Bücher sind den Juden lieber als die schlechten, die bleibenden lieber als die vergänglichen — so paradox das heutzutage klingt... JLjesen also trägt den Juden hinein in die dauernde Welt; aber eigentümlich und sehr oft zerstörend wirkt es darum auf seine Haltung zur tathaften, zum Dasein mit Menschen. Denn das Buch ist kein Gegenstand, selbst kein erlesener, wie Möbel oder Kleider. Das Buch hat wirkende, dämonische Macht wie nur noch die Walle. Es ist eine Liebesverbindung zwischen Buch und gutem Leser, eine Rauschkraft geht aus vom Buche, betäubend und verzaubernd wie der Rausch von Opiaten, nur geistiger, positiver, unverdächtiger, darum gefährlicher. Wer von Büchern träumt, meint: Frauen, das wissen die Psychologen, und das ist Aussage über alle drei, über Buch, Frau und Träumer. Ein Schrank voller Bücher ist für manche Natur ein Harem voll geistiger Ausschweifungen, und die Tyrannei der Verführung schläft in ihm. Das mag ein Einwand sein gegen Buch und Lesen. Aber ist es einer? Das Leben ohne Gefahr und Hingenommenheit, ohne Rausch und Gift — das ist das Leben nicht. Ihm ist eigen, daß der Tod es unablässig abgrenzt, und die großen Trunkenheiten sind die nächtlichen Sternenhimmel, die zum Leben gehören wie in die Nachtseite der Natur. Daher verzeichnen wir die Gefahren der Bücher, aber wir beklagen sie nicht. Man muß nicht das Vernünftige im Hausbackenen suchen. Das Vernünftige der Natur enthält die ungeheuerlichste Verschwendung der Lebenskeime in sich; ohne den tausendfachen Abgrund, in den die einzelnen und die Entwürfe zu einzelnen unablässig stürzen, wäre das III.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.