Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1928)
- Article
- Die Seele des Juden und das Buch
- Date
- 1928-06-01
- Page
- Seite 403 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE SEELE DES JUDEN UND DAS BUCH 403 dies ist die Gefahr für die Seele auch des Juden, der reifer, als Mann, als Frau, mit dem Buche lebt — die Unverbindlichkeit des Lesens bei so vielen Menschen. Niemals wurden so viel Bücher gelesen wie heute, niemals war das Leben entgeisteter. Niemals business so gut vereinbarlieh mit dem Bücherschrank und der Leidenschaft des Bücherverschlingens. Die Abspaltung der Realität von den Forderungen gestaltender Geistigkeit ist vervollkommnet worden bis zur vollendeten Unschuld des Spekulanten, der die Werke Tolstois anbetet, Krapotkins, Landauers oder Bubers Dokumente der Chassidim. Das Raubtier von heute rechtfertigt sich durch das Leben und Pflegen seines Widersachers, ja, Triumph, es darf sich sagen, daß ohne seine Teilnahme die Werke des Geistes bloß Gedanken bleiben würden, ungeschrieben, ungespielt auf Bühnen, ungedruckt von den Pressen.. . Und nur der kurzsinnige und halb seh lach tige Widersacher darf verkennen, daß diese Entgeistigung ein Zustand ist, der in den Völkern, in der breiten Öffentlichkeit der Staaten, seine Quelle hat; daß in den Fundamenten der in die Gesellschaft hineingesenkten Seelen und in den Fundamenten der Gesellschaft selbst der Grund des Übels sitzt — unangreifbar, wenn man nicht die Fundamente angreift, indem man neue legt... Die Unverbindlichkeit des Buches, die Unverbindlichkeit des Gelesenen, die Wirkungslosigkeit des Geistes: dies ist die andere Seite unseres langen, langsamen Sichgewöhnens an das Galuth, an das entgötterte, verschrobene, komische Dasein einer Zeit, in der der Mensch sich zu Tode arbeitet, ohne wahrhaft gelebt zu haben. Geist, einmal Spaten und Maurerkelle, mit denen die Gebäude menschlichen Zusammenlebens errichtet wurden, und in der Enzyklopädie Sprengmittel und Plan zu wahrhaft Neuem, ward mit dem modernen Leben und Lesen Arabeske, Traum und Schattenspiel und bestenfalls eine Sehnsucht. Welch ein Mißbrauch des Geistes und des Buches! Aber wir haben Erfahrungen, und wir lassen dank ihrer nicht von Hoffnungen. Hoffnungen auf langsame Einwirkung desiGelesenen auf innerlich junge Menschen. Hoffnungen auf die erlösende und lösende Wirkung gelesener Erdichtungen, Erzählungen, Erörterungen. Hoffnungen auf eine unter der Oberfläche der Städte und Landschaften strömende Richtung, die dem Menschen die ewige Frage nach dem Sinn seines kurzen Daseins und dessen Einrichtung neu und zäh ins Denken spült. Die Ubersteigerung des Kampfes um materiellen Erfolg und die immer billiger werdenden Erzeugnisse der Maschinentechnik muß eines Tages zwangsläufig Raum schaffen für Auseinandersetzungen, nach denen dem Menschen der Sinn auch seines Lesens wieder neu erfüllbar erscheinen wird: