Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1928)
- Article
- Die Seele des Juden und das Buch
- Date
- 1928-06-01
- Page
- Seite 400 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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400 MENORAH II. ßetet dieser Jude? Man möchte darauf schwören. Zwischen seinem Gesicht und dem Buch in seiner Hand ist eine magnetische Verbindung ausgespannt. Die alten und schweren Linien seines Gesichtes, vom Leben gehöhlt, sind jetzt Kanäle für eine Aufmerksamkeit, die die erschütternde Seligpreisung des Geistes ist; sein Mund, andächtig geöffnet, spricht lautlose Worte, die ihm bis ins Herz klingen. Die Hand die das Buch hält, ist wie ein Spiegelbild unter das Gesicht gelegt: als spiegele sich im weißen Wasser des Bartes seine zusammengepreßte Geistigkeit, und wie ein kleines Tier, ausdrucksvoll, erfahren und gegliedert, wagt sich die andere Hand verletzlich und scheu aus der Höhle des groben, weiten Ärmels. Dieser Mensch mit dem Umriß der Versunkenheit betet aber nicht: er liest. Und der Jude mit dem Buch: das ist erst der eigentliche Jude. Hier sind Gefilde ausgebreitet, die seine eigentliche, heimatliche Ebene sind, endlos bis zum Horizont des Unwißbaren. Hier kennt er alle Gefahren und überwindet alle, hier auch fühlt er sich, ein allzuoft Gejagter, dem Leben nur schwer Gewachsener, endlich frei, fruchtbar und mächtig. Hier spielt er wie ein Läufer mit seinen Kräften. Es ist wohl wahr, in dieser Freude und Geborgenheit verbirgt sich auch eine Gefahr: der Verleumdung des Lebens. Aber sie droht nur dem Jungen; der alte Mann, müdegehetzt von diesem unerbittlichen und ebenbürtigen Gegner, darf sich mit Recht in diese Rettung flüchten. Und das tut er nun ... Am Buche reguliert sich ihm die Welt: was von ihr in Bücher einging, das allein ist wert und wichtig; alle anderen Erscheinungen treten vor ihnen zurück. Und darum ist er so dankbar und glücklich, wenn seinesgleichen und seine heimische Umwelt in Bücher gebracht, zum Dasein der Buchwürdigkeit erhoben werden; jetzt erst ist dieser Umwelt und ihm selbst die volle Würde und Dauer wahrhaft lebender Dinge geschenkt worden .. . Der Jude, der das Buch in der Hand hält, das ist der bewaffnete und getröstete Jude; er lebt in Gefilden, die ohne Leid und Sünden sind." So hieß es vor Jahren im „Ostjüdischen Antlitz"; tragen wir heute allerhand nach. Der Jude als Leser ist ohne Vorurteile, kühn und dankbar für Entdeckungen; alle neuen Geister in Deutschland, Wagner, Nietzsche und George eingeschlossen, waren daher für Juden schon da, als sie den Deutschen gleicher Klasse noch unterhalb des Horizontes standen. Weil sie ein sprechendes Volk sind, aber kein Volk von Philologen, Sprachliebhaber, nicht Ehegatten der Sprache, gaben sie sich den Kühnheiten und Waghalsigkeiten jeder