Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1928)
- Article
- Die Seele des Juden und das Buch
- Date
- 1928-06-01
- Page
- Seite 399 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2912821-2912879-2912886-2922188--06796-2922321- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE SEELE DES JUDEN UND DAS BUCH 399 zustoßen erlaubt es, das unheimliche, das Wort. Aber auch in jenem großartigen Sinne, der den anderen weit mehr, den Westlichen, verloren gegangen als den Juden: das sie nämlich, wenn's ans Tun geht, standhalten. Daß sie nicht kneifen, nicht vor der Gewalt und nicht vorm Tode. Daß sie als Söhne der Idee so frei sind, „Tote auf Urlaub" zu sein (Levine). Daß, was sie geschrieben haben, sie nicht „interpretieren44 hinterdrein. Daß sie hinterher niemals zu denen gehörten, die „es nicht gewesen waren". Luxemburg, Landauer, Levine, Eisner, Rathenau, Fechenbach, Mühsam, Toller — das siind die Namen von Juden, die mit Schreiben begannen und vor Konsequenzen nicht, gleich manch gekröntem Haupt, an Desertion dachten. Ihnen war wie Herzl und Lassalle die Brücke gangbar, die vom Wort zur Tat führt, und die große deutsche Geister nur zögernd anerkannt haben — Zeitgenossen wie Klassiker... Und außer dieser weltlichen Sphäre erschließt uns das Wort auch noch die geistliche: die Verlötung des Juden mit dem Buch als Geist, als Glaube, als Welt und Werkzeug der Heiligung, als Macht des Herzens und Überverstandes: alles was mit dem Worte „Heilige Schrift", „Volk des Buches" an Erlebnis in Bewegung gesetzt ist, wäre Thema und Gegenstand dieser Untersuchung, wenn man ihr nicht Grenzen setzen müßte und vor so enormer Unternehmung nur Bescheidenheit und Selbstbescheidung den endlichen, zeitbefangenen Verstand des Schreibenden retten könnte. Darum versucht man sich hier nur an zweien der Facetten, die wir, das Thema schnell einmal um und um drehend, hier aufblitzen ließen kristallisch und geschliffen: am Buch als Gegenstand, am Juden als Leser und Macher von Büchern. Denn kein Ding auf der Welt gibt es, das in der Hand des Juden ihn wesentlicher und leidenschaftlicher anließe als das Buch, dieser Block bedruckten Papiers mit weißen Rändern und schwarzen Zeilen, am Rücken durch Fäden gebunden und gehüllt in Deckel aus Pappe und einem Überzug von Papier, Leinen oder Leder. An ihm, wenn er es in der Hand hält, wird Stärke und Schwäche des Juden kund wie Hamlets Stärke und Schwäche, wenn er den Schädel des verwesten Yorik in der Hand hält. Nicht das Buch als transportables Vaterland des Juden also und nicht als die unablässige Kraft, die den Juden geformt und erhalten hat, wird hier in Sätzen behandelt werden, sondern das Buch, das gelesen wird und das man herstellt.