Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1928)
- Article
- Die Seele des Juden und das Buch
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 398 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE SEELE DES JUDEN UND DAS BUCH Von Arnold Zweig I. Dies ungeheure Thema, an flammend blauem Sommertag wie eine noch unübersehbare Kühnheit waghalsig und abenteuernd auf Papier geschrieben — kein Wunder, daß die Feder nur widerstrebend ihre Kurven malt! Denn es enthält den ganzen Juden, und vorausgesetzt, daß heute lebende Menschen überhaupt vieler Worte wert sind — und sind Juden nicht mitschuldig an dieser Menschheit von up to date? — und man über diese Fragwürdigkeit einmal wegsehen will und sich bezwingt und wegsehen kann: an dieser Bindung „Buch und Seele" könnte man den Juden voll beschreiben, von innen her. Seine besondere Haltung zum Worte wäre allererst zu zeichnen, diese Lockerheit der Rede, die geschmeidige Beweglichkeit der Vorstellung und des Denkens zur Zunge hin, die Vertraulichkeit zur Welt und zur Gutartigkeit des Seins zwischen Mensch und Mensch, ohne welche Mitteilung nicht möglich wäre; und daß der Jude durch das Wort, das er spricht, in göttlichen Rausch erhoben werden kann und zur Tat, zu wirklichen folgen vollen Taten durch gehörtes Wort. (Lediglich durch Schreiben, Reden und Hören ist Palästina in die Wirklichkeit gezwungen worden.) Seine Bindung an das Wort also, aber auch die ans Schreiben wird von diesem Thema aus zur Betrachtung geweckt. Der Gott der Juden offenbart sich mit einer in Stein schreibenden Hand, nur er. Dem Juden sind die Buchstaben mythische Gegenstände, nur ihm. Sie stehen auf dem weißen Pergament als wahrhafte Träger des Geistes, und so auch schaut er sie an. Der Midrasch von den feurigen Buchstaben, die den Thron des Einig-Einzigen bilden, sagt das auf erhabene Weise; aber der Witz vom kleinen Moritz sagt es auf komische Weise: wenn nämlich das jüdische Jungchen, vor die Wahl gestellt, ob es lieber Achill wäre oder Hektor, vorzieht, Homer zu sein und die Helden geschrieben zu haben. Mysterium der zeugungswilden Phantasie und der mit dem Worte zeugenden, das an alle Entartung des Juden rührt, auch an sie, an die Krankheit des Wortspielens, des hemmungslosen Formulierens, der wilden Witzelei, der ununterbrochen gesprochenen Assoziation: und wie aus der Krankheit am Worte die Heilung durch Psychoanalyse, die Wiederherstellung erkrankter Seelen durch Menschen mittels des menschlichen Wortes sich ermöglicht. Und das Geldmachen durch das geschriebene Wort in der Zeitung und im Buch — überallher zentral in den Juden vor-