Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1928)
- Article
- Das jüdische Buch und die Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1928-06-01
- Page
- Seite 385 (sequence 2)
- Language
- German
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DIE AKADEMIE FÜR DIE WISSENSCHAFT DES JUDENTUMS 385 Überwindung die intellektuelle Seligkeit des jüdischen Menschen. Das Leben, das uns heute überflutet, ist nicht das jüdische; die andere Welt zwingt uns, mit ihr zu ringen und sie auszumessen; früher ungekannte Sonnen- und Gedankensysteme stehen uns zu Häupten. Nur noch aus Nebelferne klingt unsere Ursprache zu uns; die Gestalten, die Empfindungen, die Geschehnisse, die Ideale und der Gott unseres Buches werden immer wenigeren und immer schwerer verständlich. Hirn und Herz haben eben Form und Puls der Weltkultur angenommen, ihr Maß ist unseres geworden, und wir legen es, wollend oder nicht, auch an die Welt unseres Buches. Besteht es, siegt es oder unterliegt es — das ist das Problem, und das bestimmt den Charakter unseres Lernens von heute: die jüdische Wissenschaft, welche seine Nachfolge antrat. Auf solcher Gedankenbrücke schritt Hermann Cohen von seinen „Zwei Vorschlägen zur Sicherung unseres Fortbestandes" 1907 zur Gründung der Akademie für die Wissenschaft des Judentums im Jahre 1917, angefeuert durch Franz Rosenzweigs Schrift „Zeit ist's", die zur Aktion hindrängte. Nicht als ob die jüdische Wissenschaft neuzeitlichen Typs durch diese Aktion zu schaffen gewesen wäre — sie bestand schon über ein Jahrhundert. Aber ein neuer Weg war für sie zu bahnen, zu methodischem Aufbau und zur Festigung. Voraussetzung für die Erhaltung und Sicherung des Buches war die Erhaltung und Sicherung des jüdischen Büchermenschen. Das „Buch der Welt" hatte uns ihn genommen; es war dafür zu sorgen, daß unser Buch ihn sich wieder gewinne, ihn an sich ziehe, ihn mit sich erfülle, ihn wieder produktionsreif mache und ein neues Buchschöpfertum heraufführe. Gelang uns das, so war auch die Gefahr abgewendet, daß nichtjüdische Forschung sich entscheidend und dauernd unserer Probleme bemächtigte, daß sie das jüdische Buch christologisierte. Bei aller Anerkennung der Anregungen und des methodischen Gewinns, den es durch Einbeziehung in die allgemeine Wissenschaft erfuhr, war doch die Bedrohung, die in ihr gelegen war, nicht zu übersehen. Das lebendige jüdische Buch verlangte nicht kühle historische Vivisektion, Charakterisierung und Rubrizierung seiner Inhalte und Elemente nach dem alleinigen, hier häufig irreführenden Wertmaße des Analogons, sondern vielmehr glutvolle Versenkung in sie, Gefühl für Bluteigenes und Ausscheidungsvermögen für Wesensfremdes, innere Sicherheit der Tradition aus souveräner, lückenloser Beherrschung der gesamten ungeheuren, in keinem noch so spröden Stück für nichtig zu erachtenden Literatur, vor allem die seelische Ver-