Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1928)
- Article
- Sachlichkeit im jüdischen Leben
- Date
- 1928-06-01
- Page
- Seite 373 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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SACHLICHKEIT IM JÜDISCHEN LEBEN 373 folgt. Aber die ältere Generation hält Augen und Ohren gewaltsam versperrt und sie wundert sich dann, wenn die Jugend ihre eigenen Wege geht, unbekümmert um die Mahnungen und Lehren der Vertreter einer vergangenen Epoche. Wir müssen begreifen, daß etwas, was gewesen ist, nach den unerhörten Ereignissen unserer Zeit in dieser Form nie wieder sein kann und daß es lächerlich und kindisch ist, wenn es Menschen gibt, die darauf warten, daß es genau wieder so werde wie es vor dem Kriege war. Einen Wandel der Anschauungen haben wir zu allen Zeiten gehabt. Jede Generation hat ihre eigenen Gesetze erkannt und ist ihnen gefolgt, aber in der geruhsamen Zeit vor dem Kriege wandelten sich die Anschauungen allmählich und die älteren Menschen hatten Zeit, sich ihnen anzupassen. Die Nachkriegszeit hat mit einem Ruck Dinge und Menschen verändert und nur wer mit der Jugend lebt, wer ihr Tasten und Sehnen versteht, wer die Wege nicht verdammt, die sie beschreiten muß, kann von sich sagen, daß er mit seiner Zeit lebt. Die Konflikte entstehen erst, wenn das Alter nicht begreifen will, daß die Menschen, die in der Nachkriegszeit groß geworden sind, das Leben anders ansehen müssen, an das Dasein andere Forderungen stellen als die Welt es vor 1914 tat. Das jüdische Haus wird seine Bedeutung nur erhalten, wenn in ihm begriffen wird, daß Brücken sorgfältig gehütet werden müssen. Eltern müssen eindringen in die Gefühls- und Vorstellungswelt ihrer Kinder. Wir Juden sind ein Volk der Aristokraten, aber wir sind auch ein Volk der Propheten und unsere Propheten waren es, die immer die neue Zeit eingeläutet haben, die die Glocken schwangen und mit ihren Tönen ihrem Zeitalter voranläuteten. Sachlichkeit muß auch in das jüdische private Leben einziehen. Sachliches Verständnis, wohlwollendes Begreifen anderer Gedanken und anderer Willensrichtungen, Erkenntnis muß vorhanden sein, daß nicht jeder schlechtes will, der einem anderen Ziele zustrebt und der das Leben auf dieser Erde unter anderen Formen leben will, als man selbst es für sich leben will. Die Stärke des Menschen liegt in seiner Fähigkeit zur Objektivität, nur der Mensch, der erkannt hat, daß auch anderes Fühlen berechtigt ist, darf Achtung vor seinem eigenen Wollen beanspruchen. Es kann in der Welt nicht sein, daß Menschen immer der gleichen Meinung sind, aber Achtung vor der Meinung anderer kann sein. Der jüdischen Presse erwächst auch hier eine hohe moralische Aufgabe und Pflicht. Sie darf sich nicht darauf beschränken, dasjenige was ist, zu zeigen, sondern sie muß Wegweiser sein in ein neues Land.