Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1928)
- Article
- Sachlichkeit im jüdischen Leben
- Date
- 1928-06-01
- Page
- Seite 374 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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374 MEN ORAH Diejenige Zeitung verkennt ihr Wesen, die nicht das Neue und Heranziehende fördert, die nicht hilft, eine Brücke von der Gegenwart in die Zukunft zu schlagen. In einem Zeitalter der Maschinen, in einer Epoche, die Naturgewalten für die äußere Kultur des Menschen bändigt, ist es notwendig, auch die innere Kultur zu pflegen. Wirkliche innere Kultur bedingt Duldung und Gelassenheit. Als Ibsen seine Familiendramen schrieb, befand sich die europäische Gesellschaft in einer ähnlichen Wandlung, die die Gesellschaft heute durchmacht. Aber die Wandlung war nur ähnlich. Ich sagte schon vordem, daß damals sich die Anschauungen langsam änderten, während die Gegenwart sich mit einem einzigen Ruck umstellt. Wenn wir an den Dramen Ibsens bewundern, wie der Dichter mit letzter Konsequenz und mit fast barbarischem Mut zur Wahrheit die Probleme bis zur letzten Linie treibt, so können wir uns nicht von dem gegenwärtigen Leben abwenden, das in seiner Tatsächlichkeit das gleiche tut, was vor zwei Generationen ein dichterisches Genie gezeichnet hat. Die jüdische Presse in Deutschland hat eine hohe Mission zu erfüllen. Das deutsche Judentum ist zahlenmäßig innerhalb des Weltjudentums nur sehr schwach, darum ist es nötig, daß die wenigen deutschen Juden viel stärker in jüdischem Sinne beeinflußt werden. Auch darum nötiger, weil in der Berührung mit der Umwelt die deutsche Judenheit viel stärkere Werte verliert als es in anderen Ländern der Fall ist, wo Juden geschlossener wohnen. Wir können unsere Mission nur erfüllen, wenn wir immer wieder und wieder in Presse und Öffentlichkeit die Pflicht zur Sachlichkeit erkennen und anerkennen. Diese Pflicht wird verletzt, wenn Schadenfreude und Besserwisserei die Feder führen, sie wird verletzt, wennVerständnislosigkeit und persönliche Abneigung die objektiven Gesichtspunkte verdrängen und sie wird am meisten verletzt, wenn im Gegner nicht der ehrlich strebende Mensch gewertet wird. Die „Jüdische Sonderschau" mag Gelegenheit geben, auch den Angehörigen der jüdischen Presse die Reichhaltigkeit und Mannigfaltigkeit des jüdischen Lehens vorzuführen. Sie mag auch dem jüdischen Journalisten zeigen, daß sein Wirken sich einordnen muß in die Elemente des gesamten jüdischen Lebens und sie mag ihm zeigen, wie aus Vergangenheit Gegenwart und aus Gegenwart Zukunft wird und wie nur derjenige ein harmonisches Leben führen kann, der mit der Gegenwart in die Zukunft strebt. Leo Kreindler.