Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1928)
- Article
- Sachlichkeit im jüdischen Leben
- Date
- 1928-06-01
- Page
- Seite 372 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2912821-2912879-2912886-2922176--06751-2922294- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
372 MENORAH Blätter, die von den Boulevardblättern nicht die Geschicklichkeit, aber den Ton entliehen haben. Diese Erscheinungen im öffentlichen jüdischen Leben müssen mit Entsetzen erfüllen. Sie haben zur Folge, daß jeder fein und zart empfindende Mensch abgehalten wird, sich im Dienste seiner Überzeugung im öffentlichen Leben zu betätigen und ihre Wirkung ist weiter, daß sie die Öffentlichkeit vergiften und die im jüdischen Leben tätigen Persönlichkeiten gegen die Kritik in der Presse abstumpfen. Vornehme und sachliche Kritik ist stets wirkungsvoller als ein sinnloser Angriff, von dem man erkennt, daß er verletzen will. Der Geist der Unsachlichkeit hat sich aus der Presse auch auf die Versammlungen und die parlamentarischen Vertretungen der deutschen Judenheit erstreckt. Nicht mehr wird der Gegner achtungsvoll angehört, seine Argumente zerfliegen vielmehr an der Unaufmerksamkeit der Zuhörer und häufig auch an ihrem wilden Widerspruch. Hier muß ein wesentlicher Wandel eintreten. Die jüdische Presse muß erkennen, daß sie mehr noch als die allgemeinen Presseerzeugnisse die Verpflichtung hat, erziehlich zu wirken und daß sie gegenüber der nichtjüdischen Öffentlichkeit die Rolle der Repräsentantin der gesamten Judenheit führt. Es darf nicht sein, daß ein Teil der jüdischen Zeitungen in einem Ton geschrieben wird, der dem Tone rechtsradikaler Blättchen entspricht und es darf weiter nicht sein, daß die Gier nach der Sensation alle sachlichen Erwägungen und jede Vornehmheit abtötet. Jedoch nicht nur im öffentlichen Leben bemerken wir eine Feindseligkeit, die ohne Maß und Ziel ist, noch tiefer erfüllt uns mit Grauen daß zum Teil auch im Leben der Familien und der Einzelnen die gleichen Erscheinungen angetroffen werden. Es besteht, es kann nicht mehr geleugnet werden, auch im Judentum eine unüberbrückbare Differenz zwischen der Generation, die vor dem Kriege gereift ist und der Generation, die in der Kriegs- und Nachkriegszeit die entscheidenden Lebenseindrücke empfangen hat. Und es will scheinen, daß auch hier das Biemühen fehlt, gegenseitiges Verstehen anzubahnen und die Differenzen abzuglätten. Noch krasser als im öffentlichen Leben stehen sich hier zwei Welten gegenüber, die zueinander keine Brücken haben. Die ältere Generation lebt abgeschlossen von den Erscheinungen der neuen Welt, zu ihr dringt kein Ton von der Musik der anderen Zeit und sie hält alles für Mißklang, was sie nicht versteht und auch nicht verstehen will. Die Anschauungen der Vorkriegszeit unterliegen einer revolutionären Umgestaltung. Der politischen Revolution ist im viel stärkeren Grade eine gesellschaftliche und menschliche Umwälzung ge-