Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1928)
- Article
- Von Briefen, Sendschreiben und Flugblättern als Nachrichtenquellen der jüdischen Vergangenheit
- Date
- 1928-06-01
- Page
- Seite 351 (sequence 3)
- Language
- German
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VON BRIEFEN, SENDSCHREIBEN, FLUGBLÄTTERN 351 Empfänger interessieren, in Wirklichkeit aber im höchsten Maße allgemeine Bedeutung beanspruchen können und für die weiteste Öffent lichkedt bestimmt sind. Wir nennen wiederum einige Beispiele. Es sind vor allem die aramäischen Papyri aus einer jüdischen Militärkolonie zu Elephantine, die dem 5. vorchristlichen Jahrhundert angehören8). Besonders lehrreich ist darin die Korrespondenz der Kolonie mit den Machthabern ihrer Zeit, vor allem mit dem persischen Statthalter von Judäa in der Angelegenheit ihres zerstörten Tempels. Im Jahre 410 hatten ägyptische Priester des benachbarten Ghnubtempels die Zerstörung und Plünderung des Jahutempels der jüdischen Kolonie erwirkt. Die Kolonie verlor damit ihr religiöses Zentrum, und dieser Zustand muß längere Zeit angedauert haben, denn bis 407 waren die Feinde stark genug ihnen den Wiederaufbau ihres Tempels zu verbieten, und sie daran zu hindern. In dieser Not wendet sich nun die Kolonie an Personen, die sie für einflußreich hält, mit der Bitte, ihnen zur Erlangung der Erlaubnis zum Wiederaufbau des Tempels behilflich zu sein. Sie erlangten die Erlaubnis zum Aufbau, vielleicht mit einer Beschränkung der Opferbefugnis. Wenn wir aber auch nicht wissen, was des weiteren aus dieser Angelegenheit geworden ist, so sind doch diese Briefe auf Papyrus wie die anderen Elephantine- Urkunden eine nicht mehr zu missende Quelle für die Geschichte des Diaspora-Judentums im 5. vorchristlichen Jahrhundert. Aus den talmudischen Quellen nenne ich nur die Sendschreiben des R.Gamliell. im ersten nachchristlichen Jahrhundert, die er in Angelegenheit der fälligen Zehnten und wegen der Einsetzung eines Schaltmonats an die Bewohner Galiläas, Judäas, Babylons, Mediens, Griechenlands und der übrigen Diaspora gerichtet hat9). Ein weiterer Briefwechsel, nämlich der des spanischen Staatsmannes Chasdai ibn Schaprut mit Josef, dem König der Chasaren10) im 10. Jahrhundert, ist von grundlegender Bedeutung für die Geschichte der Chasaren geworden, die in Südrußland wohnhaft etwa um 740 zum Judentum übergetreten sind. Hatte man bis vor einigen Jahren gegen die Echtheit dieser Schreiben Mißtrauen gehegt, so ist neuerdings durch die Entdeckung eines Briefes, den um 950 ein vornehmer chasarischer Jude an einen anderen angesehenen Juden geschrieben hat und insbesondere durch einen Zeugen aus jüngster Zeit festgestellt, daß dieser Briefwechsel schon im 11. Jahrhundert verbreitet war. Man hat heute keinen Grund mehr daran zu zweifeln, daß Chasdai ibn Schaprut jene Anfrage wegen des Ubertrittes der Chasaren an deren König Josef gerichtet hat und Josef ihm darauf ausführlich jenen bekannten Bescheid gesandt hat. ■—