Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1928)
- Article
- Der Tanz der Genossen
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 285 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DER TANZ DER GENOSSEN 285 Da hörte er eine Stimme, weich, mit ein wenig singendem Tonfall: „Sei ruhig, Bruder. Ich komme zu dir." Er schaute um sich. Kein Mensch in der Nähe. Klingend tanzte sein Schlitten durch die weißen Hallen der polnischen Wintemacht. Als er eine Strecke weitergefahren war, ertönte wieder die geheimnisvolle Stimme: „Ich komme zu dir. Sei nur ruhig, Bruder." Weiter ging die Fahrt. Feld, Wald, Wald, Feld. Auf der glitzernden Fläche kam ihm ein schwarzer Punkt entgegen, näher und näher. Dann stand an seinem Schlitten mit langem Bart und langem Kaftan Mosche Leib, der junge Wunderrabbi von Sassow. Lächelte leise mit seiner lieben schmerzlichen Überlegenheit und fragte: „Nun Panicz, junger Herr, was steht zu Diensten?" Es war die Stimme, die er, Meilen entfernt, gehört hatte. Stumm vor Erstaunen lud der junge Graf ihn ein, in den Schlitten zu steigen. Dann fragte er leise: „Wie kommst du her?" „Ich war eben mit meinen Ghassidim in der Klaus", sagte gemütlich der Sassower. „Da hörte ich im Geiste eine Stimme, die um Hilfe bat. Und bin einfach dieser Stimme nachgegangen." Er lächelte wieder über den abergläubischen Schrecken, der unter der weißgepuderten Perücke aus den sanften Augen des jungen Grafen her vorsah. „Ich bin kein Zauberer, Panicz, glaubt das nicht. Ich fühle nur, was andere nicht fühlen können, weil sie zwischen sich und ihre Mitgeschöpfe Schranken gezogen haben. Denn ich Hebe meine Mitgeschöpfe. Was aber heißt lieben? Lieben, wirklich lieben heißt wissen, was dem andern wehtut. Daher mußte ich auch wissen, was Euch wehtat, Panicz; mußte wissen, wann es nottat, zu Euch zu kommen." Lautlos glitt der Schlitten durch den Wald. Wie weiße Fabeltiere standen die Bäume, hebräische Buchstaben, kabbalistische Zeichen bildeten sich kraus im Geäst und klar und schimmernd hing das Wunder über der Nacht. . „Sag* mir, Jud," begann der junge Graf, „sag' mir, Moschko, wo habt ihr Juden auf einmal diese süße Herzens wärme hergenommen? Gerade ihr erscheint mir immer wie ausgedörrt von Klugheit und Scharfsinn." „Gut gesagt, Panicz," nickte der Sassower, „sehr gut gesagt. Wir sind ausgedörrt vom Sorgen und Grübeln und Lernen. Wir waren trockene, mürrische Talmudgelehrte, die die Freude nicht kannten und Gott in Trübsinn dienten. Die hochmütig waren um ihres Wissens willen und vom Volke sich abschlössen, weil das Volk unwissend war. Da kam der Baal-Schern, gesegnet sei sein Andenken, und brachte