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Menorah · 1928-05-01 · Heft 5 (Mai 1928) · p. Seite 284

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 5 (Mai 1928)
Article
Der Tanz der Genossen
Date
1928-05-01
Page
Seite 284 (sequence 2)
Language
German
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284 MENORAH genossen empfunden, hatte so selten welche in seiner Nähe gehabt. Da ging er auf einmal hinüber, begann in seiner polnisch weichen, einschmeichelnden Art mit ihnen zu plaudern, über die Anwesenden ungezogene Bemerkungen zu machen, sie so zu amüsieren, daß sie fast bei jedem seiner Worte vor Gelächter platzten und bald vergaßen, daß er der junge Herr war. Und dann erinnerte er sich, daß sie getanzt hatten. Alle Jungens in einem großen Kreis, Und da war das Wunderbare mit ihm geschehen. Die heiße Fröhlichkeit hatte ihn aufgelöst, ganz aufgelöst, wonnevoll ging sein Ichgefühl verloren, er wußte nur den herrlichen Rhythmus der Schar, der ihn hochhob und wiegte, er wußte, daß er endlich Spielgefährten hatte, Kameraden, Genossen... Liebe ohne Ende durchflutete ihn. Nie wieder war ein solcher Augenblick gekommen. Graziöse Menuette gab es und wilde Mazurkas, herzige Mädchen und geheimnisvolle Frauen. Aber alles war gemessen und wahrte sein Prestige und sah im Mitmenschen nur den Gradmesser seiner Erfolge. In der guten Gesellschaft sprach man viel von der neuesten Pariser Mode: Rousseau, Rückkehr zur Natur, die Rechte des armen Volkes, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Graf Jan sprach gerne mit, war immer auf dem laufenden, geistreich und modern. Er dachte sich dabei nicht viel. Es war eben Mode. Die Rechte des armen Volkes waren in Wirklichkeit nichts, was ihm wichtig erschien. Aber das eine Wort, das so oft in diesen Gesprächen fiel, das Wort „Brüderlichkeit", ließ ihn immer wieder zusammenzucken. Er hörte nicht seinen Zusammenhang, er mußte nur mit seltsam weicher Ekstase an einen fernen Tanz denken. Eines Abends fuhr er vom Nachbargut nach Hause. Sein Schlitten tanzte klingend durch die weißen Hallen der polnischen Winternacht. Stark wie noch nie wurde seine Kindheitserinnerung wach und sein Herz krampfte sich weh zusammen. Warum nur diese Einsamkeit in ihm? Er war jung, schön und beliebt. Warum mußte um sein Ich solch eine Eiskruste liegen? Und ihm wurde klar, daß alle, die er kannte, diese Einsamkeit und diese Eiskruste trugen und sich dabei wohl fühlten, weil sie es nicht besser wußten. Er aber hatte einen Augenblick in seiner Erinnerung, wo diese böse Einsamkeit verschwunden war in einem Strom von heißer Gemeinschaft und sein Herz dehnte sich weit vor Sehnsucht nach dem verlorenen Glück. Und unwillkürlich, unbewußt fast, sagte er vor sich hin: „Bruder. Hilf mir, Bruder."

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