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Menorah · 1928-05-01 · Heft 5 (Mai 1928) · p. Seite 286

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 5 (Mai 1928)
Article
Der Tanz der Genossen
Date
1928-05-01
Page
Seite 286 (sequence 4)
Language
German
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286 MENORAH eine neue Lehre: Nicht das Wissen allein, nicht die Erfüllung der Gebote allein braucht der Jude, um Jude zu bleiben in den Leiden der Galuth. Sondern er braucht die Inbrunst, die Glut des Herzens, die Freude am Gebet, die er allein nicht finden kann, sondern nur Seele in Seele verschmolzen mit seinen betenden Genossen. Der Baal-Schern, sein Andenken sei gesegnet, nahm den einsamen, in Kälte und Spitzfindigkeit erstarrten Talmudjuden und machte daraus den Ghassid. Den Ghassid, der wie ein Kind ist, gleichzeitig lachen und weinen kann, seine Chassidim liebt und weiß, was ihnen weh tut. Der nicht nach ihrem Wissen und nach der Vollkommenheit ihrer Frömmigkeit fragt, sondern nach der Wärme ihres Herzens. Der, wenn er am tiefsten beten will, singt und tanzt. Scharenweise haben wir uns zu seiner Lehre bekannt, sind Chassidim geworden, aus traurigen Juden tanzende Juden und unser Gebet ist schöner, weil es Melodie bekommen hat, unsere Leiden sind schöner, weil wir sie nicht mehr einsam tragen." Der Schlitten lenkte ins Städtchen, hielt vor der Klaus. Der Sassower führte den jungen Grafen hinein. Schon im Eintreten summte er die inbrünstige Melodie mit, die drinnen erklang, und schaukelte sich im Takt. Zwanzig Männer, vergrämte, bärtige, tanzten mit jauchzender Ekstase. Der junge Graf wollte aufschreien. Es war der Tanz der Genossen, sein verlorener Tanz. Der Wunderrabbi hatte Traumaugen, verdunkelt in zärtlichem Stolz: „Meine Kinder, meine goldenen Juden. Wie schön sie beten, o Gott, wie schön .. Heimwärts jagte der Schlitten. Die Nacht hatte das Wunder, das seltsame, fremdartige Bild verschlungen wie einen Traum. Aber wie ein starker goldener Wein floß noch seine trunkene Stimmung durch die gläserne Luft. Und der junge Graf dachte an dieses Judenvolk, das seinem Blute fremd war, das ihm immer häßlich und komisch erschienen war und doch eine sonderbare Schönheit in sich barg. Und er dachte, daß dieses Volk wie ein Zauberbuch war, unverständlich und doch Erklärung gebend für alle Rätsel. Und mit erstauntem Dank fühlte er, was er in dieser Nacht von ihnen gelernt hatte. Daß es einen Weg zur Liebe gab: wissen, was dem andern wehtut. Und daß es auch für die Einsamsten, in Sattheit oder in Leid Erstarrten, irgendwo einen Tanz der Genossen gab, der eines Tages kommen mußte, um sie zu befreien.

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