Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1928)
- Article
- Die Musik der antiken Juden
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 276 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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276 MENORAH Musik zu ihrem „Beruf*4 gehörte. Dem rückkehrenden Saui kommt „vom Berg« Gottes herab" eine Anzahl musizierender Propheten entgegen. Auch noch aus Davids Zeiten lassen Stellen erkennen, daß die Propheten Musik trieben. „Und David samt den Feldhauptleuten sonderte ab zu den Ämtern die Kinder Asaphs, Hemans und Jedithuns, die Propheten mit Harfen, Psaltern und Zimbeln." (i. Ghron. 25.1.) Schließlich wissen wir auch, daß in den Prophetenschulen zu Jerusalem, Jericho, Gilgal und anderen Städten Musik geübt wurde. Es war gewissermaßen die handwerksmäßige oder technische Grundlage für die durchaus improvisatorischen Gesänge und des sie begleitenden Musikspiels. Wenn sich das alles später mehr und mehr verlor, so lag es an der langsamen Geschichtsbildung und Gesetzwerdung des Judentums. Die späteren Propheten waren vielfach nur noch Geschichtsschreiber. Die Schrift war an die Stelle der Sprache und des Gesanges getreten. Damit haben wir ein Schlaglicht auf die intime Verkettung von Musik—Zeit und Zukunft—Erlösung geworfen. Der Prophetismus, die Grundsubstanz der jüdischen Religiosität, istgeboren aus dem Geiste derMusik; der Gedanke der Erlösung, gewachsen aus der unheimlichen Sehnsucht nach Überwindung aller Omnipotenz des Raumes, alles körperlichen Gebundenseins. Jeder „zeitliche" Sieg wird gefeiert durch den Bezug zur Musik (Triumphlied); jeder „räumliche" Verlust überwunden durch diesen Bezug (Klagelied). Der Prophetismus ist die Brücke, die sich von Zeitlichkeit zu Zeitlichkeit schlägt über die Tragödie des Menschen im Raum. Die Musik der antiken Juden zeigt sich also in einer dreifachen Ausstrahlung: als Naturmusik des Volkes, als Tempelmusik der Priester und als Inspirationsmusik der Propheten. Die Sphären sind nicht voneinander getrennt, sie gehen ineinander über, denn der Grundzug ist „sakral". Es ist nicht daran zu zweifeln, daß der Mangel einer bildenden Kunst durch ein Übergewicht der musikalischen Kunst ausgeglichen wird. Die bildende Kunst als „Raumkunst" entspricht nicht der Ewigkeitsrichtung der jüdischen Seele; an ihre Stelle tritt die Musik als „Zeitkunst". So ist das Judentum überhaupt nur zu begreifen aus der zentralen Rolle, die die Musik im Altertum bei ihm gespielt hat! Eine Betrachtung der jüdischen Musik des Altertums wäre nicht vollständig ohne ein psychologisches Schlaglicht auf die Instrumentation. Es offenbart sich in der vorzugsweisen Instrumentation der antiken Juden dieselbe Kontrastnatur, wie wir sie in der Gegen-