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Menorah · 1928-05-01 · Heft 5 (Mai 1928) · p. Seite 269

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 5 (Mai 1928)
Article
Die Gerim von Judina
Date
1928-05-01
Page
Seite 269 (sequence 7)
Language
German
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DIE GERIM VON JUDINA 269 dem er einen weitaus höheren Preis bot als üblich, lehnten die Kauflente entschieden ab. Dies machte großen Eindruck auf Bandariow, er verglich dieses Festhalten am Gesetz mit den Übertretungen des Popen, deren Zeuge er gewesen war, und nachdem er das jüdische Gesetz längere Zeit studiert hatte, entschloß er sich im Alter von vierzig Jahren zum Übertritt. Er ließ sich auch beschneiden und wurde prompt mit seiner Familie nach Judina verbannt. Dort widmete er sich dem Wohle der Brüder und begann zu predigen, daß sich die neue Religion nicht so sehr im strengen Üben des Rituals, als vielmehr in einem Leben ehrlicher Arbeit weisen müsse. Jeder habe für sich zu arbeiten, keiner dürfe von der Arbeit oder den Gütern eines andern leben. Sein Beispiel und seine unermüdliche Bekehrungsarbeit wirkten; er gewann großen Einfluß auf die andern Gerim und das Dorf war weithin berühmt wegen der RechtschafTenheit seiner Bewohner. Bandariow bearbeitete den Boden gleich den andern, aber er nützte jede freie Minute zum Studium aus. Zuerst fiel ihm selbst das Lesen schwer, aber sein Fleiß und seine guten Geistesgaben überwanden alle Schwierigkeiten. Gegen Ende seines Lebens fing er an zu schreiben und schuf in kurzer Zeit eine ganze Reihe von moralphilosophischen Werken. Unter diesen nennen wir „Die Arbeit — Müßiggänger und Parasiten", „Kain und Abel im Hinblick auf Wahrheit und Lüge", „Über Leo Tolstoi". Das letztgenannte Werk ist eine umfangreiche Arbeit, in welcher der Gegensatz zwischen Tolstois Lehren und seinem Leben aufgezeigt wird. Es ist hart über die Maßen, Bandariow nennt Tolstoi einen Heuchler und Lügner. Trotzdem lobte Tolstoi das Buch selbst und schrieb an den Autor, dem er für seine Unerschrockenheit dankte. (Bekanntlich empfand Tolstoi diesen Gegensatz selbst sehr schwer und er führte schließlich zu seiner Flucht und zu seinem Tode.) Auch das Buch über die Arbeit fand Tolstois warme Anerkennung. Bandariows Werke wurden sofort auf den Index gesetzt, das Buch über Tolstoi wurde sogar öffentlich verbrannt. Sein älterer Sohn, Jakob, hat glücklicherweise viele Manuskripte sowie auch allerlei interessante Briefwechsel noch in seinem Besitz. Auch die Briefe Tolstois an Bandariow sind erhalten. Wie mir sein Sohn sagt, hat ein gewisser Jakobliew einen Teil der Manuskripte mit nach Petersburg genommen, und zwar schon im Jahre 1911. Es ist aber unbekannt, was aus ihnen geworden ist. Jakob hat in seinem Testament eine Summe vorgesehen, um den literarischen Nachlaß seines Vaters herausgeben zu lassen.

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