Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1928)
- Article
- Die Gerim von Judina
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 270 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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270 MENORAH Judina liegt, wie gesagt, mitten in der Koibalsteppe, im Südosten Sibiriens, etwa vierzehnhundert Kilometer von Krasnojarsk und drei hundert Kilometer von Misnusinsk -entfernt. Die Koibalsteppe, die vom Altaigebirge bis zum Sajan reicht, ist eine reiche Kornkammer, und Judina spielt, hier keine unbedeutende Rolle — es verkauft jährlich vier Millionen Tonnen Getreide, und seine Produkte gelten für die besten der Gegend. Was die wirtschaftlichen Zusammenhänge betrifft, so besteht ein Verkehr der Judin er Gerim mit den Inorodsen im Norden, das sind tatarische Stämme, und mit den Kosaken im Süden. Die Inorodsen (Nichtrussen) treiben keinen Ackerbau; sie sind meist Viehzüchter und Jäger. Sie verkaufen den Judinern sowohl Vieh als auch große Mengen roher und gegerbter Häute und Felle, manche sehr kostbarer Art. Im allgemeinen sind die Gerim von Judina wohlhabend, ja reich. Jeder hat, wie früher erwähnt, mindestens vierzig Morgen Ackerland, aber die meisten besitzen außerdem große Felder auf den Saimkes. Im Sommer kommen Getreidehändler aus Irkutsk, Wladiwostok, sogar aus Charbin nach Judina, um ihre Käufe abzuschließen. Im Winter blüht der Handel mit den Tataren. Und im Frühjahr wird der restliche Weizen verkauft sowie große Mengen von Zwieback und getrocknetem Fleisch. Zur Zeit meines Besuches in Judina gab es im Orte zweitausendsiebenhundertundachtzig Einwohner, die über acht Jahre alt waren. Sie unterstehen in gesetzlichen Angelegenheiten der Lokalregierung ebenso wie die Molokkaner. Sonst aber haben sie volle Autonomie. Sie haben ihren eigenen Stadtrat, ihre eigenen Matrikel. Seit der Revolution im Jahre 1905 sind sie auch in religiösen Dingen frei. Am zweiten Tag meines Aufenthaltes bat mich Pawlow zu sich zum Essen. Er wusch sich die Hände, betete korrekt und aß streng nach den Regeln. Seine jüngere Schwiegertochter Rachel brachte das Essen. Sie war eine junge Frau von etwa dreißig, trug aber das Haar unter der Perücke verborgen; sie saß still und bescheiden da und hörte aufmerksam unserem Gespräche zu. Pawlow erzählte, daß die Gemeinde hie und da junge Leute in die Welt hinausschickt, um Hebräisch zu lernen, und daß dies noch immer im geheimen geschehen müsse. Selbst der liberale Urussow, Gehilfe des Ministers des Innern, gestattete nicht, Chedarim zu er-