Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 4 (April 1928)
- Article
- Bemerkungen zu Pessach
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 251 (sequence 1)
- Language
- German
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Bemerkungen zu Pessach Von Dr. Max Grunwald Es gilt nicht nur, Pessach als Volksfest zu betrachten, seinen Niederschlag in Volkslied, Brauch und Sprichwort zu verfolgen. Sozusagen „angewandte" Volkskunde hat auch die Aufgabe, solche Feste zu e rhalten oder, wo sie in Abnahme begriffen sind, neu zu beleben. Wie man in anderen Kreisen zum Beispiel die Spinnstuben wieder zu frischem Dasein erweckt hat, so ist es für die Pflege des Volkstums von besonderem Werte, die alten Feste von neuem in der Volksseele zu verankern. Hier muß der Folklorist Hand in Hand mit dem Pädagogen gehen. Die Seele des Kindes muß mit diesen Festbräuchen vertraut werden, um sie liebzugewinnen. Im Mittelpunkte der ersten beiden Festabende steht die H a g g a d a. „Die Gode ist ein schönes Buch. Bissele esse und bissele sage .. .*' So beginnt ein alter Spruch, aus den Kindertagen uns vertraut. Das „bissele esse" steht voran, nicht mir des Reimes wegen. Auch die gastronomische Wertung der Mazzot-Klöße und des sonstigen leckeren Rahmenwerkes überwog in der kindlichen Vorstellung und der Freude auf die Sederabende. Man meinte wirklich, „die Knödel und nicht die Gode", wie der jüdische Volksmund es freimütig eingesteht. Aber auch an sich, ohne diesen grobsinnlichen Beigeschmack, war und bleibt die Pessachhaggada „ein schönes Buch". Es war im Hause das einzige jüdische Bilderbuch. Und ließen sich die Figuren, wie Mose, da er über den ägyptischen Bösewicht herfällt, oder wie er sein Volk durch das Schilfmeer führt, auch recht plump und altfränkisch primitiv an, die kindliche Phantasie fand das ganz in Ordnung. Von den alten Ägyptern und Juden konnte man doch nicht verlangen, daß sie photographierten oder Leute und Dinge so mallen, wie Busch seinen „Max und Moritz". Das hätte sich ja gar nicht mit dem Ernst und Respekt verlragen, mit dem ein hebräisches Buch in unseren Augen umkleidet war. In Wirklichkkeit war es aber gerade die Haggada, in der, wie sonst in keinem für einen Gottesdienst bestimmten Buche, der jüdische Humor zur Geltung kommen durfte. Freilich nicht in den stereotypen Drucken, die als Massenartikel, meist billig und schlecht, auf den Markt kommen, wenn auch unter diesen nahezu tausend Ausgaben palästinensischer, deutscher (u. a. eine von Jacques Opfenbachs Vater, dem Kölner Chassen, aus dem Jahre 1838), französischer, italienischer, holländischer, österreichischer, ungarischer, osteuropäischer und indischer Herkunft, manche bemerkenswerte Besonderheiten (vergleiche Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde, II, Seile 83) aufweisen. Die Plaggada sollte, ihrer Bestimmung gemäß, das Kind fesseln, es zum Fragen anregen. „Vater, was bedeutet das?", eine Erweiterung des vorgeschriebenen Mab nischlannah, galt auch diesen altertümlichen Bildern. Und der Vater mag in nicht geringe Verlegenheil geraten sein, wenn das Kind etwa in der Darstellung des Besuches der Engel bei Abraham (in einer Amsterdamer Ausgabe) eine Kirche und auf der Kirche ein Kreuz bemerkte. Der Herausgeber hatte eben aus praktischen Rücksichten die Kupfer einer bekannten christlichen Bilderbibel angekauft und unbedenklich in die Haggada hinübergenommen. Auch die traditionellen Figuren der „vier Söhne" — wobei der „Bösewicht" durch einen mannhaften Krieger dargestellt wird, während ihn sonst auch ein Struwelpeter zu vertreten hat — gehen auf eine ähnliche Quelle zurück und hatten ursprünglich die vier Lebensaller darzustellen. Ebenso stammt in den Haggada-Hnndschriften der Bilderschmuck wohl nicht immer von jüdischer Hand (wie „Mitteilungen", XXIV, Seite 98). So scheint die Darstellung des ersten Menschenpaares — Eva im Geschmack der medieeischen Venus in dem einen Manuskript aus dem XVI. Jahrhundert („Mitteilungen", XV, Seite 81) — einen italienischen Künstler zu verraten. Die Trennung