Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 4 (April 1928)
- Article
- Bemerkungen zu Pessach
- Date
- 1928-04-01
- Page
- Seite 252 (sequence 2)
- Language
- German
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252 MENORAH von Mann und Frau durch ein Schwert, wie bei Gervas von Tilburg, und die Kostüme sind, wie auch sonst Einzelheilen in diesen Miniaturen von kulturgeschichtlichem Wert. Komisch wirken die naive Auffassung der „15 Stufen" (das. 85) und andere Kuriositäten. Aber frei w iiiiger Humor spricht aus den Knittelversen in einer Haggada des Germ. Nationalmuseums in Nürnberg (Müller- Schlosser, Pessachhaggada von Sarajevo, II, 129), wie (155) „Geheim vor dem Mahle Mazzol sie verzehren, Wie gewisse Leute vorzeitig Gewährung begehren" oder „Er trinkt den vollen Becher Wie siets ein rechter Zecher" oder in der Illustration einer Haggada zu „maror seh" (— dieses bittere Kraut) durch den Hinweis: „Das ist die Frau, wie geschrieben steht: Ein böses Weib ist bittrer als der Tod" oder, wenn zu der Stelle der Haggada: „Jeder soll sich betrachten, als ob er selbst aus Ägypten gezogen wäre'*, der Zeichner einen Mann vorführt, der sich in einem Spiegel betrachtet. In ihrem Kern ist aber die Haggada nicht ein Bilderbuch für Kinder. Sie kommt nur der Fassungskraft des Kindes entgegen, um schon von der ersten Regung des kritischen Denkens an die Seele des Juden der Idee zu erschließen, die das gesamte Judentum trägt. Alle Lehren unserer Großen atmen sie, die ganze jüdische Geschichte ist ein Helden- und Dulderlum, das ihr allein gilt. Es ist die Idee der Freiheit, der Freiheit, die ich für mich ebenso wie für meinen Mitmenschen fordern muß, der Freiheit von äußerem Zwang und Hemmung des Leibes, um aufgehen zu können im Dienst des Geistes. So wie der Weg aus Ägypten an den Sinai führte, wie die Sklavenfesseln fallen mußten, um die Geister und Herzen frei zu machen für die Empfängnis der höchsten GeistesofFenbarung, so tränkten die Enkel der aus Mizrajim Erlösten mit ihrem Blute die väterliche Erde im Freiheitskampfe gegen die ungeistigen Mächte Völker knechtender Tyrannen. Und in die Zeit, in das Werden und Weben des letzten dieser Kämpfe führt uns wiederum die Pessachhaggada. Wir sitzen am Sederabend im Hause R. Akibas. Die Tafelrunde bilden die geistigen Führer des unter Römerjoch schmachtenden Judenvolkes. Jerusalem ist verschwunden. Eine fremde Stadt mit fremdem Volk und heidnischem Tempel erhebt sich an seiner entweihten Stätte. Gedenkend der Befreiung aus den eisernen Klammern pharaonischer Knechtung führt R. Akiba den Freunden zu Gemüte die Not und Schmach, die sie Iiilen in den Krallen des römischen Aars. Feierlich spricht er über den Becher der Erlösung den Segen: „So mögen wir neue Feste erleben, die heilige Stadt wieder erstehen sehen, dem Dienste Gottes uns frei wieder weihen und ein neues Lied anstimmen auf unsere neue Erlösung!" Uber dem Für und Wider, wie man der feindlichen Gewalt sich entraffe, ist die Nacht vergangen. Der Morgen dämmert. Und die Jugend stürmt herein, die Jugend, die von ihren Führern das erlösende Wort, die entscheidende Lösung zum Kampfe erwartet. „Ihr. unsere Meisler! Wo weilet ihr? Der neue Tag ist angebrochen!" Und Meisler und Jünger treten hinaus in das Licht des Morgens. Die Entscheidung ist gefallen. Und aus einem Herzen, geschwellt von Tod verachtender Entschlossenheit, stimmen sie an das „Schütte aus deinen Zorn!" Die Geschichtsschreiber unseres Volkes suchen in den spärlichen Daten des Schrifttums Sleinenen zu dem Mosaik dieses ergreifenden Gemäldes. In seiner ganzen leuchtenden Farbenpracht ist es aber von einer Dichterseele erschaut und in den herzerwärmenden Worten festgehalten worden, mit denen Oscar L e v e r t i n in seinem „Kolonymos" einen Sederabend in seiner nordischen Vaterstadt schildert. Wie anschaulich malt er die Weisen von B'ne B'rak, zum Beispiel Josua!