Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 4 (April 1928)
- Article
- Die Kunst als Jude zu leben
- Date
- 1928-04-01
- Page
- Seite 218 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2912821-2912879-2912884-2921835--06450-2921921- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
218 MENORAH Große Verwunderung herrschte in Schweden, als von den Deutschen der Vorwurf kam, warum der Vorsitzende des Verteilungsrates der Nobelsfiftung ein Jude sei?... An der Universität, im gesellschaftlichen Leben, selbst im politischen, finden sich Juden in exponierten Stellungen. Dies nobelste und moralisch reinlichste Volk der Schweden hat wie die äußere so auch die größte innere Ruhe." Sehr charakteristisch ist auch, wie sich die Schweizer gegen die Fremden benehmen: Sie sind ihnen willkommen als Hotelgäste, aber sie wehren sich dagegen, daß ihr kleines Land von den Nationen, die sie umgeben, „überfremdet" werde, wie sie es nennen, das heißt, daß Deutsche, Italiener oder Franzosen ins Land kommen, um Arbeit zu finden. In Zürich wurde ein Gesetz geschaffen, daß die Fremden aus dem Osten, gemeint sind natürlich die Juden, erst nach 15 Jahren berechtigt seien, die Bürgerschaft anzusuchen, was allen anderen nach zehn Jahren gestattet ist. Diese Verfügung war eine Folge der Kriegsverhältnisse, die zahlreiche Fremde nach der Schweiz brachte, von denen die Juden am meisten ins Auge fielen. Besonders stark war die Klage in Zürich, wo in der großen Verkehrsstraße, die vom Bahnhof zum See führt, sehr häufig Gruppen von Juden gesehen wurden, darunter auch solche in der polnisch-jüdischen Tracht. Die Züricher waren überzeugt, daß ihre Stadt von Juden überfüllt sei. Aber die Zählung von 1920 ergab in dieser Stadt von 250.000 Einwohnern 6000 Juden. Die Presse war anständig genug, ihrer Verwunderung über die geringe Zahl Ausdruck zu geben und zu erklären, daß die vielfach geäußerte Befürchtung von der Verjudung Zürichs keinerlei Begründung habe. Es soll an dieser Stelle festgestellt werden, daß der Schweizer im allgemeinen zur Charakterfestigkeit, zur Gerechtigkeitsliebe und zur Redlichkeit erzogen wird. Ich muß ein Einzelerlebnis anführen. Bei meiner Abreise aus befreundetem Hause in der Nähe von Luzern wurde mein Handgepäck durch den Milchlieferanten mitgenommen, der es in der Tramwaywartehalle deponieren wollte. Wir gingen eine Stunde später den See entlang in die Stadt und ich fand mein Gepäck in einer offenen Hütte, ohne jede Aufsicht, aber auch vollständig unversehrt. Dort hatte es etwa eineinhalb Stunden gelegen und außer mir wunderte sich niemand über diese fast beispiellose Sicherheit. Als ich dies Erlebnis in einem Bern er Freundeskreise erzählte, bekam ich von dem Vertreter einer Uhrenfabrik, der aus China heimgekehrt war, folgendes zu hören: „Ich wurde in China in jedem Geschäft mißtrauisch beobachtet, denn dort läuft der Spruch um: „Er