Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 4 (April 1928)
- Article
- Die Kunst als Jude zu leben
- Date
- 1928-04-01
- Page
- Seite 219 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE KUNST, ALS JUDE ZU LEBEN 219 stiehlt wie ein Schweizer." Vielleicht hängt dies damit zusammen, daß der Schweizer nach China nur als Kaufmann kommt, der seinen Vorteil sucht. Den einzelnen vermag ein solches Erlebnis zu belehren, vom Mehrheitsdünkel zu befreien, die Majorität an sich ist unbelehrbar. Jede Reise in die Fremde bedeutet Loslösen aus gewohnter Mehrheit, eine Fahrt in die Minderheit. Wir werden uns dessen selten bewußt, weil die Mehrzahl der Reisen kurz und kurzweilig verläuft und weil wir, dem fremdartigen toten Inventar hingegeben, den Strom des Lebens nicht rauschen hören. Wer länger fremden Boden tritt, bis daß die Angst der Vereinsamung ihn schüttelt, wer in der neuen Umgebung menschliche Zuflucht sucht, den drückt die Enge des Minderheitsgefühls an Leib und Seele, an dem zehrt die Spannung des Ausgeschlossenen, die Hilflosigkeit des vom Vorurteil Gezeichneten. Das Vorurteil ist zwar nicht an die Fremde gebunden, wohl aber an die Einstellung der Mehrheit zur Minderheit, die überall die gleiche ist. Als wäre uns Juden das Schicksal vorbestimmt gewesen, durch Jahrtausende Minderheit zu sein, und sicherlich in Erinnerung der vergangenen Minderheit klingt es immer und immer in der Bibel an: „Sei gerecht gegen den Fremdling in deinen Toren, ein Recht sei für dich und für den Fremden, denn ein Fremdling warst du im Lande Ägypten 1" Und vielleicht ist im Zusammenhang mit dieser steten Lehre von der Minderheit zu verstehen, warum die Juden so oft und in den verschiedensten Ländern aus persönlich gefestigten Stellungen zur bedrückten Minderheit hinabsteigen, Gut und Blut für die Unterdrückten opfern, ungeachtet der persönlichen Nachteile und ohne Rücksicht auf den Ruf der gesamten Judenheit, die als revolutionär verdächtigt und geschädigt wird. Es ist eine dankbare Aufgabe, nachzuspüren, inwiefern die unentwegte Parteinahme der Propheten für die Armen und Bedrückten ihre stete Auflehnung gegen bedrückende Autorität hiezu beiträgt. Das liegt weitab, aber für das Erleben des Tages ist es von größter Bedeutung, daß wir den Judenhaß nicht als singuläre Erscheinung werten, sondern in die Phänomene der Minderheitsschicksale einreihen, die sich bei uns ähnlich auswirken wie bei anderen Völkern. Als einzigartig drängt sich die historische Erfahrung auf, daß wir länger als irgend eine andere Minderheit den Verfolgungen der Mehrheiten Widerstand leisteten und heute noch genügend stark sind, uns zu bedenken, rückzuschauen und den Weg in die Zukunft selbst zu gestalten.