Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 4 (April 1928)
- Article
- Jakob Wassermann und "Der Fall Maurizius"
- Date
- 1928-04-01
- Page
- Seite 210 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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210 MENORAH mals wenigstens, ich konnte nur sein, wenn ich die Welt hatte, die vollständige Fülle der Welt ohne Abzug und Abstrich, die ganze strahlende Breite geistiger Existenz. Darum fällt der Einwand, den Sie wahrscheinlich im stillen bereits gemacht haben, daß von allen diesen Gründen jeder einzelne genügt hätte, mich mit denen meines Stammes solidarisch zu erklären, aus den Widerständen doppelte Kraft zu ziehen, dieser Einwand fällt in sich zusammen. Wie gesagt, ich liebte sie nicht. Sie konnten mir für das, was ich entbehrte, keinen Ersatz bieten. Ich war kein Renegat, wenn ich sie verließ, ich gehorchte meiner Notwendigkeit. Ich liebte sie nicht, das ist nur die Hälfte der Wahrheit. Die ganze Wahrheit ist, daß meine Liebe drüben war, bei den andern. Kein seltener Fall: der Zurückgestoßene verliert seine Seele an die, die ihn zurückstoßen. Ein sehr jüdischer Fall. Was ihm verwehrt ist, das ist die Verheißung des Juden, was er nicht hat, sein teuerster Besitz. Immer wieder das verlorene Paradies. Auch ein jüdischer Fall, Sündenfall. Dort haßte ich, hier liebte ich. Ich liebte ihre Sprache ... Ihre Sprache? Mein! so gut, wie meine Augen meine sind ... liebte ihre Geschichte, ihre Heroen, ihre Lieder, ihre Landschaften, ihre Städte. Ich liebte das alles tiefer, als sie selber es lieben, und verstand es besser als sie. Das ist keine Prahlerei, mein Sohn, es ist Schicksal. Im übrigen .. . Ich habe den Beweis erbracht. Nun, gehen wir zurück. Angefangen hat es mit Legendenbildung. Als meine Mutter starb, eine einfache Frau, die noch an alten jüdischen Bräuchen gehangen hatte, machte ich sie zu einer Christin, Tochter eines abgedankten Militärs. Ich redete es mir so fest ein, daß es mir zum Faktum wurde, mit den überzeugendsten Einzelheiten versehen wie in einer russischen Erzählung. Dabei kam aber doch nur ein Mischblut zustande, ich wollte aber Vollblut sein, und indem ich einen heimlichen Ehebruch mit einem schlesischen Rittergutsbesitzer dazudichtete, schaltete ich den jüdischen Vater, der inzwischen auch das Zeitliche gesegnet hatte, bei meiner Erzeugung eigenmächtig aus. Es war kein Wagnis weiter. Die Natur hatte mich begünstigt, ich war blond, unverfälscht germanenblond (er lachte wieder unangenehm), mein Gesichtsschnitt, Sie können es nicht leugnen, ist unorientalisch, erinnerte schon in meiner Jugend an den bäuerischen Typus bei uns. Abgesehen davon, der Wille formt das Antlitz. In der Prima des Gymnasiums führte ich bereits den Namen Waremme. Durch Adoption. Mein Adoptivvater war katholischer Schriftsteller, TraktätchenVerfasser, Agent in dunklen Geschäften und Hetzapostel, er war völlig närrisch mit mir, er hielt mich für ein Genie. Vielleicht hatte er so unrecht nicht. Damals war ich's vielleicht. Jeden-