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Menorah · 1928-04-01 · Heft 4 (April 1928) · p. Seite 209

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 4 (April 1928)
Article
Jakob Wassermann und "Der Fall Maurizius"
Date
1928-04-01
Page
Seite 209 (sequence 5)
Language
German
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DER FALL MAURIZIUS 209 geräumten Pferch die Herren spielten, vielmehr das Herrentum ihrer Herren nachäfften. Ich haßte sie, sämtlich. Ich haßte ihr Idiom, ihren Witz, ihre Denkungsart, ihren Geschäftsgeist, ihre spezifische Melancholie, ihre Anmaßung, ihre Selbstpersiflage. Ich zerbiß nachts mein Kopfkissen vor Wut, wenn ich an eine Schmähung, eine Zurücksetzung dachte, ob sie nun mir oder meinem Vater oder irgend einem Juden überhaupt widerfahren war. Ich zitterte in der Schule vor Scham und Empörung, wenn nur das Wort Jude fiel, schon bei einfacher Feststellung, begreifen Sie das? Es war alles darin enthalten, in der Art, wie es ausgesprochen wTurde, das Vorurteil, die Geschichtsfälschung, der eingefleischte Haß, dem Jahrhunderte nichts von seiner Roheit und Giftigkeit geraubt hatten. Denn ich wußte Bescheid. (Er stieß mit dem Stock auf den Boden.) Mit neun Jahren wußte ich schon Bescheid, mit fünfzehn hatte ich ein gründliches Studium in dieser Hinsicht hinter mir und war jeder Disputation gewachsen. Aber mit Disputationen erschüttert man keine Tatsachen, auch die verworfensten nicht, in unserer Welt nicht mehr, und von allen Tatsachen gab es eine, die mir vollkommen unerträglich war, nämlich, daß ich von irgend einem Gebiet des Lebens und Wirkens sollte ausgeschlossen sein. Was, ich? Ich mit meinen Gaben, mit meinem Verstand, mit der Glut in meinem Innern, ich sollte nicht, unter keinen Umständen, sagen wir beispielsweise: auf einem Ministerstuhl sitzen? Nein, unter gar keinen Umständen, Präsident einer wissenschaftlichen Akademie sein? Und das hieß, sich hoch versteigen, mein Lieber (er lachte in die Luft hinaus), das waren schon Phantasieprätensionen, mein Ehrgeiz durfte sich nicht einmal an eine Professur wagen. Unter keinen Umständen konnte ich zu der Geltung gelangen, die der mittelmäßigste Kopf, sofern er nur nicht das Femezeichen trug, als selbstverständlich zu beanspruchen hatte. Der Gedanke machte mich toll. Ich konnte forschen, konnte auf meine Weise lehren, konnte Werke schaffen, niemand würde mich mehr als üblich daran hindern, zuletzt würden sie mir ihre Anerkennung nicht vorenthalten und, wenn ich Wunderbares leistete, am Ende sogar ihre Bewunderung nicht, aber... im tiefsten würden sie mir nicht glauben, im tiefsten würden sie mich und meine Leistung leugnen, nur unter der stärksten Pression würden sie mir die Ehre erweisen, mit der sie sich untereinander verschwenderisch beschenken. (Er nahm den Schlapphut vom Kopf und setzte ihn sogleich wieder auf.) Aber das alles waren ja Überlegungen. Unmöglich, das Wesentliche wiederzugeben, das Gefühl: es ist mir versagt... ja was: versagt? einfach versagt zu sein! mitzusein! dazusein! Denn ich konnte nur sein, da-

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