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Menorah · 1928-04-01 · Heft 4 (April 1928) · p. Seite 211

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 4 (April 1928)
Article
Jakob Wassermann und "Der Fall Maurizius"
Date
1928-04-01
Page
Seite 211 (sequence 7)
Language
German
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DER FALL MÄURIZIUS 211 falls verstand ich es, die Menschen daran glauben zu machen. Nicht weil ich's erlistet hätte, denken Sie das nicht, ich hatte die Welt in der Faust und modelte sie mir wie ein Stück Wachs. Nie habe ich um Menschen geworben. Aber bis zu einem gewissen Einschnitt in meinem Leben hatte ich unbedingte Gewalt über alle, die in meinen Kreis traten, ich lernte Menschen beherrschen, eine Wollust ohnegleichen, eine Kunst, die geübt sein will. Der erwähnte Namenswechsel geschah unter dem Protektorat eines Domherrn und mit Hilfe eines gewiegten Advokaten. Daß Taufe und übertritt zur Kirche damit verbunden waren, versteht sich. Ich hatte dann freien Weg vor mir. Sagten Sie etwas, Mohl? Ich dachte, Sie sagten etwas. Freien Weg, so ist es. Unsichtbare Hände ebneten ihn. Die Universitätsjahre, Breslau, Jena, Freiburg, immer von Osten nach Westen, immer weiter, von der Tiefe in die Höhe, dann wieder in die Tiefe, die allertief ste Tiefe; von Osten nach Westen wie die Sonne. Aber ich schweife wieder ab. Ich lebte sorgenlos, mein Vater hatte mir zwar so gut wie nichts hinterlassen, aber Mittel flössen mir reichlich zu, glänzende Empfehlungen öffneten mir alle Türen, ich wurde Mitglied exklusiver Verbindungen, ich sprach mit gefürchteten Würdenträgern wie mit meinen Vettern, und ich legte mich dabei nicht auf die Bärenhaut, Mohl, in keiner Weise, rabiater Fleiß ist ja das Erbteil meiner Rasse, ich wußte nicht wohin mit all den Kräften in mir, Kräfte aus unterirdischen Strömen, aus dem unverbrauchten Vorrat von Geschlechtern, ich fühlte mich zu merkwürdigen Dingen berufen, ich war meinen Tagen nicht feind, ah, in keiner Weise, der Philosoph Waremme beflügelte den Dichter Waremme, dieser den geistigen Schätzeheber, der Mittler zwischen den Menschen, den Führer, dieser wieder den Politiker, und da zeigte sich das Ziel, schöpferische Politik, dazu fühlte ich mich berufen, die Idee eines verwandelten Europa, einer kontinentalen Einheit unter deutscher, deutsch-römischer Hegemonie enthusiasmierte mich, ah, was für Träume! Rasende Träume! Ich wollte mich natürlich an kein Amt binden, ich schlug die lockendsten Angebote aus, es war mir alles zu gering, ich hatte Angst, mein Stern würde verlöschen, wenn ich ihn als Lampe benützte, aber dann, mitten im Fluge, kam der Sturz. Im übermächtigsten Flug der gräßlichste Sturz. Aber die Katastrophe hatte eine sonderbare Logik in sich, eine unheimliche Logik, ich hatte sie nicht sehen wollen, ich glaubte ihr trotzen zu können, ich.. . aber zum Teufel, Mohl, Sie lassen mich ja schwatzen, schauen mich an wie der Hungrige die Butterstulle .. . ich glaube, es ist verdammt spät geworden . . . auf, auf!. . ."

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