Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 4 (April 1928)
- Article
- Jakob Wassermann und "Der Fall Maurizius"
- Date
- 1928-04-01
- Page
- Seite 206 (sequence 2)
- Language
- German
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206 MENORAH gepeinigt. Zum erstenmal begegnete er jenem dumpfen, starren, fast „sprachlosen Haß, von dem der Name Antisemitismus fast nichts aussagt, weil er weder die Art, noch die Quelle, noch die Tiefe, noch das Ziel zu erkennen gibt". Und er rettet sich, wieder nach Wanderungen bis nach Paris, nachdem er Monate in Wäldern, ein Exilierter, über dem ein großes Künstlerschicksal stand, gelungert und gehungert hatte — er flüchtete „in die Kloaken des Geistes", in die Münchner Boheme, deren Figuren er später in „Renate Fuchs" so scharf gezeichnet hat. Ernst von Wolzogen, dem er sich als Sekretär verdingte, spürte seine fast mystischen Dichterkräfte. Und nun ging er, entdeckt, selbst von der Familie nicht mehr als ein von „Wahnideen" Besessener anerkannt, seiner Bestimmung entgegen: Als Jude ein großer deutscher Erzähler zu werden. Aber was Wassermann bisher gelitten, hatte sich seinem Wesen zu tief eingeprägt. Er hatte das Leid der Armen, Enterbten, zu viele Gehässigkeit erfahren, dieser dämonische Mensch und Künstler, wie der „rote Itzig4' in dem Drama Beer-Hofmanns, des ihm Stamm- und Artverwandten. Wenigstens hatte er es mit der Sensibilität des Künstlermenschen und mit dessen hochmütigem Stolz so gefühlt. Die Spuren aber dieser Peitschenschläge und Stachehmgen, die ihm als Juden zuteil geworden, sind, wie ich sagte, überall in seinem Werk, wo es ihn am reinsten bezeichnet, sichtbar: in den „Juden von Zirndorf", im „Caspar Hauser". Und auch in seinem letzten, vielleicht grandiosesten, mächtig aufgetürmten Romangebilde, dem „Fall Maurizius", so wenig dieser scheinbar mit dem Judenproblem gemein hat. Aus dem Verstehen der unterdrückten Juden erwuchs ihm das Verstehen für alles Unrecht in der Welt, wie sein Arnold Ansorge („Der Moloch") durch ein Justiz verbrechen, das er miterlebt, zum Rechtsfanatiker wird. Ein Rechtsfanatiker, das ist Jakob Wassermann in diesem neuen, monumentalen Werk, wie man es mit Recht nannte, dem „Fall Maurizius", sein bisher in der technischen Struktur, im Gedanken- und im Sprach-Q'uadernbau großartig geschlossenstes Werk. Der Roman ist, wie jedes große Werk der Dichtung, im Geschehen höchst einfach. Ein Staatsanwalt hat vor Jahren die Verurteilung eines Dozenten, der — so wähnt man — seine Gattin ermordete, durchgesetzt. Der Sohn dieses Staatsanwaltes wird mit dem Vater des schuldlos Verurteilten bekannt. Wie nun der Sohn in die Kreise störend tritt, das Gewissen des Vaters aufrüttelt, dessen Besuch bei dem zu neunzehn Jahren Zuchthaus Verurteilten, der inzwischen in der Zelleneinsamkeit ergraute, veranlaßt und diesen dem Leben zurückgewinnt, während der schuldlos-schuldige Staatsanwalt selbst in Wahnsinn verfällt — dieses durch seine Dimensionen, seine Wucht, sein unausgesprochenes ethisches Pathos ungeheure Kunstgebilde mit seiner Figurenfülle, seiner Gesellschafts- und Landschaftszeichnung konnte nur von einem Mann geschaffen werden, der seinen Weg als Jude begann und ihn, mit der Erinnerung an alles selbsterlittene Unrecht im Herzen, als deutscher Künstler gebietenden Ranges fortsetzt.