Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 4 (April 1928)
- Article
- Jakob Wassermann und "Der Fall Maurizius"
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 207 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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DER FALL MAURIZIUS Mit Genehmigung des Verlages S. Fischer-Berlin, veröffentlichen wir nachstehend ein Kapitel aus dem Romane: Der Fall Maurizius von Jakob Wassermann ^Xfaremme*» VC/atschauer erzählt: Richtig, mit dem Namen", rief Etzel, als hätte er die ganze Zeit über nicht mehr daran gedacht. Er setzte sich seitlings zu Warschauer hin, um besser zu hören und, da es ziemlich finster war, besser zu sehen. „Der Name ist natürlich das wenigste," fuhr Warschauer fort, „ein Schlüssel, freilich einer zu besonderen Türen. Haben Sie mit Juden verkehrt, Mohl?" — „Und ob. Bei uns gibt's Juden die Menge." — „Hatten Sie jüdische Kameraden?" — „Auch." — „Standen gut mit Ihnen?" — „Ganz gut." — „Also keine prinzipielle Gegnerschaft?" — Etzel schüttelte den Kopf. Er kannte das, die prinzipielle Gegnerschaft, aber er hatte sie sich nicht zu eigen gemacht. — „Keine elterlichen Anweisungen, Verbote und dergleichen?" — „N— Nein. . ." — „Das klingt zögernd. Also doch?" — „Manchmal. Hab' mich aber nicht drum gekümmert. Wenn sich's um nette Kerle gehandelt hat, hab' ich mich nicht drum gekümmert." — „Schön. Das wollt' ich wissen." Er schwieg ein paar Sekunden und stocherte mit seinem Stock im Sand herum. „Können Sie sich vorstellen, daß ein Mensch sich selber über seine Geburt belügt? Komplizierte Sache. Der nicht sein wollen, der man ist, die Wurzel verleugnen, aus der man gewachsen ist, das heißt, die eigene Haut wie einen geborgten Mantel tragen. Ich war das Kind jüdischer Eltern, die in der zweiten Generation bürgerlicher Freiheit lebten. Meinem Vater war noch gar nicht zum Bewußtsein gekommen, daß der Zustand scheinbarer Gleichberechtigung im Grunde nur Duldung wTar. Leute wie mein Vater, ein ausgezeichneter Mann sonst, hingen religiös und sozial in der Luft. Den alten Glauben hatten sie nicht mehr, einen neuen, will heißen den christlichen, anzunehmen weigerten sie sich, teils mit guten, teils mit schlechten Gründen. Der Jude will Jude sein. Was ist das: Jude? Vollkommen befriedigend kann es kein Mensch erklären. Mein Vater war stolz auf die Emanzipation, eine listige Erfindung das, sie nimmt dem Unterdrückten den Vorwand, sich zu beklagen. Die Gesellschaft schließt ihn aus, der Staat schließt ihn aus. Das körperliche Ghetto ist zu einem seelischen und geistigen geworden, man wirft sich in die Brust und nennt es Emanzipation. Haben Sie mal darüber nachgedacht, junger Mohl, oder sind Sie zufällig einem Menschen begegnet, der Anlaß hatte, selbst über gewisse.. . na, sagen wir Disharmonien nachzudenken? Nicht? Sie hatten Wichtigeres zu tun, ich verstehe, aber vielleicht ist Ihnen trotzdem zu Ohren gekommen, was sich gegenwärtig hierzulande abspielt? Ich spreche