Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 4 (April 1928)
- Article
- Jakob Wassermann und "Der Fall Maurizius"
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 205 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jakob Wassermann und „Der Fall Maurizius" us der Enge des geistigen Ghettos Fürths ist Jakob Wassermann in -L A. die Helle der europäischen Geistigkeit und des europäischen Ruhms getreten. Ein Weg durch Not und Hunger, durch viele Einsamkeiten und Bedrängnisse. Die Wundmale und Schrunden, die sich seiner Seele bei solchen Wanderungen durch das Land der Qualen aufdrückten, sind in seinem Werk haften geblieben. Dieses reiche, tiefgründige, weitverästelte Werk läßt auch in seinen Höhen und Gipfelpunkten noch die Spuren seines schattenbeschwerten Weges erkennen, des Weges, den er „als Deutscher und Jude" trotzigen Schrittes gegangen ist. Er hat die Bitternisse jeder Jugend durchlebt, die aus der Kleinbürgerlichkeit zu geistiger Befreiung strebt. Aber seine Fesseln waren noch härtere; sie waren peinigender um ihn geschmiedet. Alle Vorurteile wider das Judentum, noch dazu das kleine, bürgerliche, lasteten auf der scheuen, in sich hinein grüblerischen, bildnerischen, bereits von erster dichterischer Ahnung beschatteten Seele des Knaben Wassermann. Diese Seele ist dunkelhaarig wie er selbst. Sie glüht einem aus seinem Werk mit den gleichen, schwarzen, bannenden Augen an, mit dem rätseltiefen Blick Wassermanns, den niemand vergißt. Sohn eines kleinen jüdischen Handelsmannes in der fränkischen Provinz, eines erfolglosen — sein Vater besaß für Geschäfte keine glückliche Hand —, sehen wir ihn, bedrängt von Visionen, hart mit den bürgerlichen Notwendigkeiten, dem „Commerz" ringend. Der künftige Gestalter der „Renate Fuchs", des „Wendekreises", der „Juden von Zirndorf", durch den frühzeitigen Tod der Mutter und die Not des Vaters doppelt bedrängt, von einer herzlosen Stiefmutter — es ist, als wäre man in einem deutschen, traurigen Märchen — aus dem Hause gewiesen, kommt mit siebzehn Jahren nach Wien, um bei einem Onkel, der eine Fächerfabrik besitzt, zu konditionieren. So wenig ein Kaufmann, wie es Heine gewesen, der ja einem Manufakturwarenhandel in Hamburg vorstehen sollte, flieht er bald nach München, dann zurück zum Vater nach Würzburg, vagiert planlos umher, wie ihn überhaupt immer wieder dämonische Triebe aus dem innersten Zwang seiner Natur zu einem Vaganten- und Abenteurerdasein drängen. Er ist nicht bürgerlich seßhaft, auch kein „Bürgerlicher der Seele", wie Peter Altenberg einmal sagt. Aber nun sollte er mit diesem noch dumpfen Trieb- und Instinktleben, das nichts anderes als das vorahnende Weben dunkel dämonischer, gestaltender Kräfte war — nun sollte er Lehrling in einem Exportgeschäft werden und später einem Generalagenten im badischen Freiburg helfen. Er bemühte sich wirklich. Aber da ward sein Judentum offenbar und er ward entlassen. Und nun begegnet ihm das Schlimmste. Er dient sein Militärjahr ab. Nun ward er, der arme Jude, behaftet mit den zwei ärgsten Übeln, wie schon Heine sagt, der Armut und dem Judentum, von Offizieren und Mannschaften gleicherweise Von Paul Wertheimer