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Menorah · 1928-04-01 · Heft 4 (April 1928) · p. Seite 203

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 4 (April 1928)
Article
Das Herz des Ewigen
Date
1928-04-01
Page
Seite 203 (sequence 5)
Language
German
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DAS HERZ DES EWIGEN 203 sah wohl eine mächtige Mauer, die die innere Stadt umgürtete, ich schlenderte wohl durch überwölbte Straßen, die sich ineinander verschlangen und verflochten, und Männer und Frauen gingen an mir vorbei. Basare waren da und schwerbeladene Esel, und Geschrei, Gelächter und Geschwätz erscholl um mich. Geflickte Straßen tauchten auf und wieder unter, Torbogen, seltsame, alte, sehr, sehr alte Fenster, in denen sich grelles Sonnenlicht und dunkler Schatten verfing, und hie und da Bäume auf Alleen, die jäh in Höfe aus undenklichen Zeiten vorstießen. All das war nicht wirklich oder doch nur halbwirklich. Ich sah es. Es war da und es war nicht da. Und andere Scharen waren um mich. Ich war gar nicht ich selber, sondern tausend andere. Zehntausendmal zehntausend Männer und Frauen entstiegen dem Abgrund der Vergangenheit, verwandte und fremde, eigene und unbekannte. Ich kam zu den höchstgelegenen Punkten und sah die Hügel, die die Stadt umsäumen. Aber ich sah sie nicht so, wie sie heute sind, sondern so, wie sie vor tausend, zweitausend, dreitausend Jahren waren, Schatten auf Schatten gehäuft, Ruinen, die wieder zu vollkommenen Urbildern sich zusammenfügten, Stadt über Stadt, Türme, die einander verdeckten, Pfeiler hinter Pfeiler. Alle, die hier je durchgekommen waren, lagerten hier, träumten hier, hatten hier ihre Gesichte. Ihre Werke, ihre Leistungen, alles stieg wieder ans Tageslicht wie graue Materialisationen. Das Erlebnis der Zeit ging mir verloren. Eins wurden Vergangenheit und Gegenwart. Die Chronikrolle der Tage, die für gewöhnlich nur einen schmalen Rand von dem Text sehen läßt, den sie von der Unendlichkeit der Zukunft in die Unendlichkeit der Vergangenheit ausrollt, entfaltete sich mit einemmal vor mir und tausend Jahre Text wurden gleichzeitig für mich sichtbar und nahmen mich in ihre Mitte: Jebusitcr und Hebräer, Griechen und Römer, Sarazenen und Kreuzfahrer, Festungen, Tempel, Moscheen, heidnische, jüdische, mohammedanische, christliche, jedes Schauspiel, das sich hier ausgelebt hatte, mit seiner Bühne und seiner Inszenierung. Ich sah Prinzlinge, Stammesälteste, Könige, Weise, Propheten und Herrscher. Und ich sah die unendlichen Scharen der Niedrigen, der Kinder, die auf diesen Straßen gespielt, der Mädchen und Jünglinge, die hier geliebt, gelebt und geträumt haben. Und über all dem schwebte ein Geist, den ich nirgends sonst gekannt habe, wie ein unsichtbarer und anfeuernder Baldachin, durch den das Licht von Sonne, Mond und Sternen in einem anderen Glanz erstrahlte, überzeugend und offenbarend. Ich hörte das Schmettern der Trompeten, die Rufe großer Menschenmassen, Geflüster, Kommandorufe, Todesschreie, den Lärm

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