Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 4 (April 1928)
- Article
- Das Herz des Ewigen
- Date
- 1928-04-01
- Page
- Seite 202 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2912821-2912879-2912884-2921831--06428-2921905- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
202 MENORAH das hehrste Wort des Glaubens und das letzte Wort verzweifelten, verachtungsvollsten Unglaubens laut werden konnte, der weißglühende Glaube eines Jesaia und das eiskalte Leugnen des Koheleth. Und diese beiden sind hier für alle Zeiten ineinander verschmolzen, glühende Hitze und sengende Kälte sind hier eins geworden, grenzenlose Bejahung und grenzenlose Verneinung berühren einander hier wie negative und positive Pole. Ein Wunder bleibt es, das nur am Ende aller Zeiten seine Erklärung finden wird: daß einzig und allein auf diesem Fleck Erde Menschen, wie es die Propheten waren, geschrieben haben. Sind nicht Abanah und Parphar, die Flüsse von Damaskus, besser als alle Gewässer Israels? Gibt es nicht Hügel und Täler im Lande der Hellenen? Ist der Nil nicht mächtiger als der Jordan? Und das Zwischenstromland nicht ausgedehnter und fruchtbarer? Und wie viele Bergspitzen gibt es in der Welt, die die Gipfel der palästinensischen Hügel um das Zehnfache überragen! Aber einzig und allein in Palästina erstand die Vision und die Stimme. Warum? Weshalb? Viele Jahre hat diese Frage in meinem Gehirn gehämmert. Niemand wird sie je beantworten können. Aber als ich Jerusalem näher kam, durch das Labyrinth der Hügel von Judäa, da fühlte ich, wie der uralte Zauber sich über mich senkte, und eine Ahnung der Glut jener furchtbaren Ekstasen schauerte durch mein Blut, Das letzte Araberdorf gleitet nun vorbei. In dem leeren Bahnabteil wandre ich hin und her, halte nach beiden Seiten Ausschau und fühle, wie mein Herz schneller und schneller klopft. Das letzte Stück der Strecke fällt öde ab gegenüber allem Bisherigen. Es ist, als müßte für einen Augenblick auch die Magie dieser Hügel erlöschen, da Jerusalem sich entschleiern soll. Da sehe ich in der Entfernung einen Turm auf einer niedrigen Hügelkuppe herangleiten. Es ist der erste Turm von Jerusalem. Mehr kann ich nicht ausnehmen, denn Tränen blenden mich und tauchen Himmel und Erde in einen silbernen Nebel. Vor mir liegt die Stadt, die der Mittelpunkt der Welt ist für alle Zeiten. ,,Als der Herr heimführte die Gefangenen nach Zion, da waren wir wie Träumende/' Wie ein Träumender ging ich umher. Ich kümmerte mich nicht darum, wohin die Wege mich führten. Ich begegnete Freunden und wir sprachen ganz vernünftig miteinander von allerlei Alltagsdingen, wir fragten und beantworteten Fragen übereinander und über gemeinsame Freunde. Doch wandelte ich in einer anderen Welt und es war nur ein losgelöster Teil von mir, der das Gespräch führte. Ich lebte in einer Stadt, die für die andern nicht sichtbar war. Ich