Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 3 (März 1928)
- Article
- Die jüdische Landwirtschaft in Bessarabien
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 186 (sequence 5)
- Language
- German
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186 MENORAH rungszusland befindet, ist die jüdische Gleichberechtigung verwirklicht. Es wird den Juden nicht verboten, sich auf dem Lande anzusiedeln. Es ist ihnen möglich, Land zu pachten und auch zu kaufen. Alan erteilt ihnen Konzessionen zum Verkauf alkoholischer Getränke. Jüdischen Beamten bin ich nicht begegnet, aber jüdische Primare (das heißt erwählte Distriklsvorsitzende) habe ich getroffen. Gleichberechtigung ist gewiß eine sehr wichtige Errungenschaft. Jedoch hat der allgemeine wirtschaftliche Niedergang des Landes sehr ungünstig auf die Lage der Juden eingewirkt. Der Getreidehandel war früher von ausschlaggebender Bedeutung im wirtschaftlichen Leben der Juden. Seine Bedeutung ist, wie wir schon angegeben haben, stark zurückgegangen. Dabei will noch die Regierung den Getreidehandel reglementieren; der Händler darf nicht im Dorfe einkaufen, der Bauer muß das Getreide auf einen bestimmten Marktplatz der Kleinstadt bringen. Das führt zum weiteren Rückgang des Getreidehandels. Die Zerstörung des Großgrundbesitzes hat auch der jüdischen Bevölkerung einen harten Schlag versetzt. Es ist selbstverständlich, daß die Juden die Hauptaufkäufer der Erzeugnisse der großen Güter waren. Der Großgrundbesitz hatte aber für die Juden noch eine andere Bedeutung. Obgleich schon Jahrzehnte seit der Zeit verflossen sind, als die bekannten provisorischen Verordnungen des russischen Ministers Ignatiew veröffentlicht wurden, die den Juden das Pachten des Landes verboten, befand sich doch ein bedeutender Teil der bessarabischen Güter in Pacht größerer und mittlerer jüdischer sogenannter „Possessoren". Diese breite Schicht der „Possessoren" ist jetzt ohne Beschäftigung geblieben sowie auch ihre jüdischen Angestellten und diejenigen der Gutsbesitzer. Das Handwerk und die Industrie befinden sich in gedrückter Lage. Nur ein Industriezweig hat sich in Bessarabien stark entwickelt: das sind die Ölmühlen, und zwar in Verbindung damit, daß die Sonnenblumenkultur stark ausgedehnt wurde. Die Lage der Juden in Bessarabien ist auch dadurch erschwert worden, daß viele Flüchtlinge aus der benachbarten Ukraine, die den Pogromen und dem Hunger entflohen, dorthin gekommen sind. Die Juden mußten Auswege aus dieser schwierigen Lage suchen. Wären bessere Möglichkeiten für die Emigration vorhanden, hätte sich ein großer Strom von Emigranten aus Bessarabien ergossen. Leider sind die AuswTanclerungsmöglichkeiten sehr begrenzt. Man begibt sich nach Altrumänien (Regata), wo die wirtschaftliche Lage doch etwas besser ist. Man wanderte nach Frankreich aus, aber jetzt wird die Einwanderung dahin beschränkt. Am meisten fährt man jetzt nach Bra-