Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 3 (März 1928)
- Article
- Die jüdische Landwirtschaft in Bessarabien
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 183 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2912821-2912879-2912883-2921688--06380-2921789- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
DIE JÜDISCHE LANDWIRTSCHAFT IN BESSARABIEN 183 vollkommen umstellen muß, führen und das ist eben in Bessarabien geschehen. Es ist selbstverständlich, daß die Bauern während der allgemeinen Zerrüttung ohne Kapital und ohne Kredit nicht imstande waren, das erhaltene Land gehörig auszunutzen. Die bessarabische Landwirtschaft wurde degradiert. Man schätzte den durchschnittlichen Getreideertrag der Jahre 1920 bis 1924 um I6V2 Prozent kleiner als den der Jahre 1902 bis 1911. Vor dem Kriege in den Jahren 1902 bis 1911 kamen durchschnittlich eine Million Tonnen Getreide zur Ausfuhr. Infolge der dürftigen Ernten und des Anwachsens der Bevölkerung lassen sich gegenwärtig nur 38 Prozent des Quantums ausführen, Avas früher ausgeführt wurde. Dabei ist das bäuerliche Getreide uneinheitlich und verunreinigt und hat darum nur geringen Wert für den Export. Eine derartige Entwicklung in einem Agrarlande führt zu einem starken wirtschaftlichen Niedergang des ganzen Landes. Einen großen Schaden brachte auch Bessarabien der vollkommene Abbruch seiner früheren Handelsbeziehungen. Bessarabien ist früher ein Bestandteil des großen russischen Reiches gewesen, und das hatte für seine Wirtschaft sehr günstige Folgen. Die natürlichen Bedingungen Bessarabiens sind durchaus verschieden von denen des übrigen Rußlands, und Bessarabien brachte solche Erzeugnisse hervor, die im übrigen Reiche nicht hervorgebracht wurden und die darum auf dem russischen Markte einen hohen Wert hatten. Bessarabiens Wein, Obst, getrocknete Pflaumen, Tabak — alles hatte einen sicheren und guten Absatz in Rußland. Bessarabiens Eisenbahnen führten nach Odessa, -— der Hafen von Odessa bediente Bessarabiens Getreideexport. Bessarabien hatte auch einen bequemen Wasserweg — den Fluß Dnjestr. Das Getreide wurde den Dnjestr herunter bis nach Ackermann und von dort aus weiter bis nach Odessa gebracht. Kischinew war ein wichtiger Handelsplatz nicht nur für Bessarabien, sondern auch für die benachbarten Gouvernements. Jetzt endet die Welt mit dem Dnjestr. Die Eisenbahnen, die über den Dnjestr führen, haben keine Bedeutung mehr, es gibt auch keine Schiffahrt auf dem Dnjestr. In den Städten längs des Dnjestrs herrscht Totenstille. Kein Boot ist auf dem Flusse zu sehen. Was die neuen Märkte, die sich im Westen öffneten, anlangt, so können sie keineswegs den großen russischen Markt ersetzen. Die anderen Provinzen Rumäniens haben ähnliche Naturerzeugnisse wie Bessarabien und haben keinen dringenden Bedarf für seine Erzeugnisse. Außerdem sind die Eisenbahnverbindungen Bessarabiens mit den anderen Teilen