Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 3 (März 1928)
- Article
- Vom Nil zum Jordan
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 173 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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VOM NIL ZUM JORDAN 173 clor schon in London waren und wir gemeinsam Meetings zu organisieren versuchten, um die jüdische Jugend zu überzeugen, daß es für sie keinen schöneren Ausweg gebe, als eine jüdische Legion für Palästina. Sie entgegnete uns mit Lärm, Beschimpfungen und Skandalen. „Freund J.," sagte mir jener Anarchist nach einem solchen Meeting, „Sie sprechen zur Wand. Sie verstehen unsere Leute nicht. Sie sagen ihnen: ,Das liegt in eurem Interesse als Juden . . . Das ist für euch von Nutzen als Engländer . . . Das ist eure Pflicht als Menschen . ..' Ein großer Irrtum. Wir sind keine Juden, sind keine Engländer, sind keine Menschen. Was wir sind? Schneider!" Ich erwähne das nur deshalb, weil es sich letzten Endes herausgestellt hat, daß gerade Whitechapcl uns erstklassige, brave, geduldige Soldaten gab, und sogar der Name „Schneider" wurde zuletzt ein Ehrentitel in allen Bataillonen der jüdischen Legion, das Synonym für einen Mann, der mannhaft seine Pflicht erfüllt, ohne Prahlsucht oder Klage, ohne Seufzer und Hysterie. „Etwas", ein geheimer Kern von Ernst und Verantwortung, ein Kern von großer Selbstwürde fand sich doch in den tiefsten Tiefen der Whitechapler Seele, wenn die schwere Stunde der flammenden Not heranrückte. Bei der Schlußrechnung war jener Anarchist im Unrecht. Aber damals im Anfang paßte seine Diagnose wie einer Hand ein gutes Paar Handschuhe. Bei dieser Masse — und wer weiß, wer schuld daran ist — vielleicht die steife Kühle des englischen Milieus — war jeder Nerv paralysiert, der das Individuum mit einer Gemeinschaft, mit einem Volke, einem Lande und mit der Menschheit verbindet. Die einzige Bindung an eine Welt, die das Einzelindividuum vielleicht noch anerkannte, bildete sein Geschäft, man war ein Kaufmann, ein Kinderlehrer, ein Schneider... Und dabei, naturgemäß, blind und taub gegen alles, was hinter der anderen Seite der Wand geschieht. „Man tut uns nichts zuleide und wird uns auch nichts zuleide tun." Aber seit meinem ersten Schritt in London erblickte ich alle Vorzeichen eines nahenden Sturmes ■— gerade gegen Whitechapcl gerichtet. In jedem Zimmer des Kriegsminist eriums, in jeder Londoner Redaktion, von jedem Cousin, jedem Verwandten und Freund meiner englischen Landlady in Chelsea hörte ich die gleiche Anklage: „Unsere Boys sterben zu Hunderten in jeder Stunde und diese Ihre jungen Leute spazieren mit Mädchen herum und spielen Billard." In der Presse begann man schon die Frage der Konskription zu ventilieren, noch nicht für Whitechapel, sondern nur für englische „Slackers". Nur eine Schlafmütze hätte es nicht voraussehen können, daß bald, gar bald, die Zeit des privilegierten Aus-