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Menorah · 1928-03-01 · Heft 3 (März 1928) · p. Seite 172

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 3 (März 1928)
Article
Vom Nil zum Jordan
Date
1928-03-01
Page
Seite 172 (sequence 8)
Language
German
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172 MENORAH Insel. Hier fand ich zwar keine ausgesprochene Feindschaft gegen den Legionsgedanken, wenigstens nicht im ersten Jahre meiner Tätigkeit, sondern einfach — Gleichgültigkeit. Sprachst du über Palästina: „Palästina? Mein Palästina ist hier in Whitechapel — und übrigens sind das nur leere Worte." „Ein jüdisches Regiment gibt es nicht und es wird auch keines geben." „Es gibt keine Offensive in Palästina und es wird auch keine geben!" „Obwohl wir zu Hause sitzen, während die englischen Boys kämpfen, tut uns niemand etwas zu Leide und niemand wird uns angreifen." „Wie es heute ist, wird es auch morgen sein." Das war in summa ihre Philosophie. Nicht nur ihre eigene Philosophie, wenn man gerecht sein will. Heute regnet es nicht, ergo braucht man auch keinen Regenschirm für morgen; tief steckt dieser Glaube in der ganzen Weltanschauung des Ghetto, sogar im Innern solcher Leute, die sich selbst als ernste Bekämpf er des Ghettogeistes wähnen. „Impressionismus" nenne ich diese Einstellung, wenn ich höflich sein will, aber ihr wrahrer Name klingt schlimmer. Man lebt von der Hand in den Mund, baut ein Zukunftsprogramm auf Grund der letzten Nachrichten einer Zeitung von — gestern. Die wirklichen, fundamentalen Faktoren und Tendenzen des Lebens will man nicht beachten und derjenige, der ihnen dennoch Beachtung schenkt und über sie spricht, wird verspottet, solange man nicht an seine Macht glaubt, und man wirft ihm Steine nach, wenn man spürt, daß er „gefährlich" werden kann . . . Darin ist Whitechapel nicht anders als jede andere Judengasse, aber es gibt dort noch etwas — eine unangenehme Sache, die ich in anderen Einwanderungszentren des Westens zum Glück nicht gefunden habe. Das amerikanische Ghetto mit all seinen Nachteilen hat ein weites Herz und eine offene Hand, hat ein Minimum an idealistischer oder wenigstens sentimentaler Beziehung zur Außenwelt, zu beiden Seiten der Außenwelt — sie haben Mitleid mit dem Volk Israel und sind stolz auf Amerika. Das Pariser Ghetto ist im jüdischen Sinne passiv, aber es hängt wenigstens mit realer dankbarer Liebe an Frankreich. Whitechapel liebt nicht und haßt nicht, Whitechapel hat überhaupt kein Verhältnis zu solchen Dingen — weder zu Völkern, noch zu Ländern oder Klassen. Sie sagen es selbst: „Jede Bewegung erstirbt, wenn man sie nach Whitechapel bringt." Es gibt Ausnahmen, sogar sehr schöne, aber wer wird eine Nadel in einer Sandwüste suchen. Ich erinnere mich an ein kluges, in seinem Humor galliges Wort, das mir ein Anarchist aus Whitechapel einmal über die Whitechapler Seele gesagt hat. Es war im Herbst 1916, als Großmann und Trumpel-

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