Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 3 (März 1928)
- Article
- Gedanken über moderne Bibelkritik
- Date
- 1928-03-01
- Page
- 156 (sequence 1)
- Language
- German
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GEDANKEN ÜBERMODERNE BIBELKRITIK Aus einem Urania-Vortrag Von Dr. Max Grunwald Man erinnert sich, welches Unheil Sensationen, wie der von Wilhelm. II. protegierte Panbabylonismus, angerichtet haben. Der Exkaiser gab die Parole aus: Der Nimbus des auserwählten Volkes muß zerstört werden! Und seine Kathederpaladine fielen über das Alte Testament her. Die anglo-amerikanische Bibelforschung behandelt daher auch die „höhere Bibelkritik", das Monopol deutscher und holländischer Forscher, als einen politischen Trick des Pangermanismus. Sind die Germanen das auserwählte Volk, so können es unmöglich die Juden sein. Diese Bibelkritik nennt sich „vorausselzungslos" und gerade sie geht von einer Voraussetzung aus, nämlich der, daß, was im Alten Testament steht, schon darum nicht wahr sein kann, weil es darin steht. Mit falschen Maßstäben erzielt sie zwangsläufig falsche Wertungen. Die Kriterien, die hier den Ausschlag geben, liegen aber zum Glück so klar zutage, daß aller Verstand der zunftmäßig Verständigen diese Klarheit nicht zu trüben vermag. Beim Lesen der Bücher Moses fallen zwei Umstände auf. Sachlich befremdet die Berichterstattung über einige Gegenstände in zwei -Versionen, die in Einzelheiten voneinander abweichen. Der unvoreingenommene Leser wird sich sagen: Wenn die Erzählung nicht in einem Flusse sich entwickelt, so können den Berichterstatter verschiedene Rücksichten hiezu bestimmt haben. Da die Bibel selbst auf ältere Quellen ihrer Darstellung hinweist, so mag der Erzähler auch hier auf parallele Berichte zurückgegriffen haben. Es zeugt von Gewissenhaftigkeit, wenn er sie unverändert wiedergibt. Nicht nur Pietät gegen das Original gebietet, zumal bei Urkunden von solcher Bedeutung, diese Sorgfalt. Jeder, der einmal eine geschichtliche Darstellung zu bieten hatte, weiß, wie ganz anders, lebendiger und überzeugender der Wortlaut eines Zitates, als ein Auszug wirkt. Zwei Berichte über einen und denselben Gegenstand, die ihn in der Hauptsache übereinstimmend wiedergeben, sind um so wertvoller, je deutlicher sie sich durch Abweichung in Nebensachen und Verschiedenheit der Beleuchtung als voneinander unabhängige Zeugnisse darstellen. Wenn zwei oder mehrere Chronisten, jeder mit anderen Worten und ans einem anderen Gesichtspunkte, über die Zerstörung Karthagos berichten, erscheint dieses Faktum selbst um so gesicherter. Die eine Überlieferung unterstützt nicht nur, sie ergänzt die andere. Auch können wrir, was man für überflüssige Wiederholung oder Doppelbericht hält, oft einfach dadurch erklären, daß die erste Relation nicht als Variante, sondern als ausführliche Ubersichtsangabe für das Folgende zu gelten hat. Noch in der späteren jüdischen Liturgie, in den Bußgebeten (Selichoth), begegnet uns der Fall, daß der Dichter die seinem Gesänge zugrunde gelegten Bibelstellen als Motto vorausgeschickt hat, man diese Texte aber irrtümlich als ein eigenes besonderes Gebet betrachtet und behandelt. Was zum anderen beim Lesen des Pentateuchs auffällt, ist der Wechsel des Stils. Daß aus einem solchen Wechsel nicht ohneweiters auf verschiedene Verfasser geschlossen werden darf, hat die klassische Philologie seit langem erkannt. Im Altertum, ja vielfach bis in die Neuzeit hinein ist nicht „der Stil der Mensch", vielmehr paßt er sich nach bestimmter Vorschrift, nach überlieferter Schablone dem Gegenstande an. Und ändern wir nicht auch mit fortschreitendem Alter unseren Stil? Braucht man erst auf Goethe hin* zuweisen? Jedenfalls liegt kein Grund vor, Berichte, die sich voneinander unterscheiden, sofort zu scheiden und verschiedenen Autoren zuzuschreiben. Man operiert nicht, wo man ohne Gefährdving des Lebens chirurgischem Eingriffe aus dem Wege gehen kann. Hier ist das Durchhauen des gordischen Knotens um so weniger angezeigt, als für die