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Menorah · 1928-03-01 · Heft 3 (März 1928) · p. Seite 157

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Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 3 (März 1928)
Article
Gedanken über moderne Bibelkritik
Date
1928-03-01
Page
Seite 157 (sequence 2)
Language
German
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GEDANKEN ÜBER MODERNE BIBELKRITIK 157 einheitliche Autorschaft der einheitliche Rhythmus sowie die naheliegende Erwägung spricht, daß, wenn der Redaktor, dessen Konto von dieser Bibelkritik so stark beiästet wird, wirklich im Umstilisieren, Interpolieren, Retuschieren ein solcher Meister gewesen sein sollte, er doch gewiß nicht ohne Grund und Absicht so auffallende Unebenheiten des Stils und Disharmonien im Inhalte stehen gelassen hätte. Was man sonst an unterscheidenden Merkmalen als Stütze für die radikalste, aber auch leichteste Methode des Kommentierens, die Quellenscheidung, ins Treffen geführt hat. wie die Verschiedenheit der Gottesnamen u. a. m., hat kritischer Überprüfung nicht standgehalten. In besonnenen Köpfen ringt sich immer mehr die Erkenntnis durch, daß der biblische Erzähler keine pragmatische Geschichtsschreibung, sondern eine Pädagogik, eine Volkserziehungslehre bieten will. Nur was religiös wirksam ist, wird betont und beleuchtet. Weil aber nicht allein die Darstellung durchaus mit religiösem Geiste durchtränkt ist, sondern auch die Träger der dargestellten Handlung in der Hauptsache von rein religiösen Antrieben geleitet werden, darum kann ihnen beiden, dem. Helden wie dem Herold, nur der religiös Gestimmte — oder mit dem Vermögen des Einfühlens in religiös besaitete Seelen Begabte — gerecht werden. Das religiöse Fluidum, das geistige Band, das anscheinend Disparates in einer religiösen Grundschrift zusammenhält, entgeht natürlich dem Gefühl dessen, der an sie mit Axt und Brecheisen, mit dem Rüstzeug einer alles historische Leben entgeisternden, materialistischen Geschichtsklitterung herantritt. Was beweist dem Mathematiker ein lyrisches Gedicht? Man muß in den Seelen lesen können, deren Sprache man verstehen soll. Schon der wegwerfende, überlegen witzelnde Ton, die triumphierende Miene des erfolgreichen Detektivs, mit der die „höhere Kritik" auftritt, beweist, wie wenig sie nach ihrer ganzen Grundstimmung zu ihrer Aufgabe berufen ist. Der Ton macht die Musik. Falsch ist aber auch ihr Maßstab. Er ist nicht der des Historikers, sondern der des Philosophen. Den Begriff der Entwicklung, der zur Erklärung naturgeschichtlicher Erscheinungen eine dankenswerte Arbeitshypothese liefert, auch für die Geschichte der Wissenschaften, aber schon nicht für die Kunstgeschichte brauchbar ist, ihn wendet mancher Philosoph nun gar a priori auf die Geschichte der Religion an, als ob zum Beispiel die Germanen nicht vor der Annahme des Christentums in mancher Hinsicht höher als nachher gestanden hätten 1 Aber Geschichte! Exakte WissenschaftI Stellen wir uns auf den Boden der Säkularisierung der Bibel, die von der Bibelkritik als Profanwerk wie jedes andere Buch behandelt wird, und bedienen wir uns ihrer eigenen Waffen! Wenn die alttestamentlichen Schriftsteller deshalb keinen Glauben verdienen sollen, weil sie von den behandelten Daten zeitlich zu weit entfernt waren, um wie viel weniger dann unsere Kritiker mit ihren Konstruktionen! Und selbst, wenn man in der Patriarchengeschichte eine Spiegelung ethnographischer Verhältnisse und Vorgänge sehen will, schließt dies keineswegs aus, für die einzelnen Gestalten einen historischen Kern gelten zu lassen. Die Annahme eines Analphabetenzustandes zur Zeit Abrahams ist längst widerlegt. Die überraschende Weisheit und Menschlichkeit der mosaischen Gesetzgebung findet ihre Folie im Codex Chamurabi. Ein Vergleich des Gottes Israels mit den Nationalgöttern Edoms und Moabs spottet des Entwicklungsschemas. Hat sich Israel sozusagen am eigenen Schöpfe aus dem Sumpf gezogen? So baut man willkürlich ein Luftgebilde und macht dann, der historischen Überlieferung Vorwürfe, wenn sie hiemit nicht übereinstimmt. Die Losung dieser Bibelkrilik lautet: „Auflehnung gegen jede Autorität und Ablehnung jeder Tradition!" Wo sie aber nicht aus- und nicht unterlegt, sondern das Bibelwort einfach weglegt, um statt seiner ihre Phantasie reden zu lassen, dort sie abzulehnen, erfordert die Liebe zur Gerechtigkeit und der Mut zur Wahrheit — auch gegen eine Mehrheit!

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