Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 3 (März 1928)
- Article
- Die mittlere Pforte
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2912821-2912879-2912883-2921674--06323-2921753- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE MITTLERE PFORTE 147 bezeichnen, die allesamt genauest eingetragen sind in die endlosen Listen des Himmels... I n unserem Dorf, aber auch im Nachbardorf gab es niemanden, der den Sabbat entweiht hätte. Zumindest nicht öffentlich und geflissentlich. So etwas konnten wir uns gar nicht vorstellen. Daß der Mensch seinen Anteil am kommenden Leben absichtlich verscherzei Wir hörten wohl, daß es in der Stadt, in Gyöngyös, auch Juden gäbe, die „gar nichts halten", ihre Geschäfte am Sabbat öffnen und die Hühner nicht durch den Schächter schlachten lassen, sondern durch ihre Mägde, „ihre eigenen Hausschächter", wie die Frommen spöttisch zu sagen pflegten. Aber wir Kinder glaubten nicht daran. Wir hielten dies genau so für ein Märchen, als daß irgendwo im Tatarenlande Menschen leben, die nur ein großes, rundes Auge inmitten der Stirne haben. Es steht doch geschrieben: „Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbilde." Und Gott kann doch letzten Endes nur ein Ebenbild haben. Plötzlich erschien in unserem Dorfe ein solches leibhaftiges Phänomen: der „Förster*'. Wie er eigentlich hieß, wußte keiner von uns. Ein geheimnisvoller Schleier verbarg ihn vor uns. Wir sprachen nur leise von ihm. Daß auch er ein Jude sei, der nichts halte. Aber wir waren auch damit nicht im reinen, was eigentlich ein Förster sei. Etwas Mystisches nestelte sich in unser kindliches Gehirn ein. Wir sahen wohl ringsumher den Wald mit seinem lilafarbenen Schatten, mit seinem dunstigen Hauche, unser Fuß hatte ihn aber noch nie betreten. An Werktagen ist im Cheder die „Mittlere Pforte" weit geöffnet und wir müssen lernen von Früh bis Abend. An Feiertagen hingegen dürfen wir die „Sabbatgrenze" nicht überschreiten. Der Wald erscheint einem so nah, es scheint aber nur so. In Wirklichkeit ist er sehr weit. In unserer Vorstellung sahen wir im Dickicht schattiger Bäume allerhand Wundergeschöpfe hausen und Herr und Gebieter über all diese Wesen sei der „Förster". Daß dieser auch Jude sein könne, war schon an und für sich eine große Überraschung für uns. Unser Melamed stellte, in seiner Eigenschaft als Schächter, alsbald fest, daß der Förster gar nicht schlachten läßt. Das heißt, er läßt wohl Hühner, Gänse und vielleicht auch Tauben schlachten, aber nur häuslich durch seine Mägde. Denn man konnte doch keinesfalls annehmen, daß der Förster tagelang kein Fleisch genieße, da doch weder die „drei Wochen8}", noch die „neun Tage4)" an der Reihe waren. Nun könnte es aber auch 8) Nationale Trauertage zwischen dem 17. Tammns und dem 9. Ab. *) Die letzten nenn Tage dieser Periode.