Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1928)
- Article
- Kunst und Gemeinde
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 120 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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120 MENORAH Das Gebäude hat ihren Wunsch verwirklicht. Aus einer müden Periode der Wiener Architektur hervorgegangen, ohne Zusammenhang mit einer irgendwie lebendigen oder gar jüdischen Tradition und darum auch ohne fruchtbare Wirkung, ist es ein Treibhausgewächs geworden, das auch heute befremdlich, jedenfalls nicht jüdisch anmutet. Das nachfolgende Menschenaller Wiener Architektur war auch sonst steril, für die jüdische Gemeinschaft blieb es völlig fruchtlos. Erst an seinem Ende gerät das Bauwesen in einen Hochbetrieb sondergleichen — aber näher angesehen, erweist er sich als eine Geschäftigkeit ohne Leben. Das ist die Zeit der Ringstraße. Fast über Nacht entsteht sie, aus dem Nichts, nämlich aus einem Nichts an bodenständiger schöpferischer Kultur. Fremde Kräfte aus aller Welt, die wenigsten aus Wien, müssen herbei, um für die neue Straße die festlichen Kulissen zu schaffen. Einiges, sehr weniges wird trotzdem stark und schön. Aber im ganzen wird es eine rechte Potemkiniade. Kein Wunder, daß aus ihr der längst schon fällige Aufschwung der jüdischen Bausachen nicht kommt. Zwar sind mittlerweile -— im Schritt der Emanzipation — auch Juden wieder Architekten worden. Und man wird verstehen, daß sich die Gemeinde nun nicht mehr an die besten Meister der Zeit, an Van der Niill, Siccardsburg oder Hansen wendet, sondern daß sie mit einer Art Charakterstärke ihre Bauten von zwei jüdischen Künstlern besorgen läßt. Aber diese beiden sind, wie sehr sie sonst auch verschieden sein mögen, Epigonen. Und sind Epigonen einer Epoche ohne echte Baugesinnung, der die Raumgestalt nichts und der dekorative Effekt fast alles bedeutet. Unter solchen Umständen wird man es nur natürlich finden, daß die Tempel, die damals überall aus dem Boden schössen, einen Allerweltsstil haben. Alle Welt hat etwas dazu beigetragen, nur die jüdische nicht. Eine dreischiffige Anlage mit einseitiger östlicher Hauptrichtung kehrt wieder. Das christliche Langhaus muß wohl oder übel die maurische Kuppel auf sich nehmen. Den Rest besorgt in den populärsten Fällen ein üppiger Mantel aus blau-rot-goldenen Arabesken. Kein Schmuck erscheint zu wTohlfeil, wenn er nur die Schaulust befriedigt. Diese Tempel, die samt und sonders dem Kern des Problems: der Verbindung einer Ostmit einer Zentralanlage, also der Richtungen von Gebet und Gesetzeslesung, aus dem Wege gehen, wissen auch sonst nichts von Gesetz und Gebet. Außen auf eine tunlichst wirksame Fassade, innen auf eine prunksüchtige Vorderwand eingestellt, wissen sie nichts von Andacht. Sie denken nicht an die täglichen Stunden der Gläubigen, nicht an ihre Sammlung und an ihre Demut. Sondern sie