Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1928)
- Article
- Vom Nil zum Jordan
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 114 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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114 MENORAH Grad von normalem Verstand und mit ein wenig Glück kann Weltreputation erreichen. Unsere zionistischen Kongresse sind voll solcher Delcasses — und wir werden sie nie entdecken und uns nie ihrer bedienen . .. Delcasse gehörte noch überdies zur alten klassischen Schule der Geheimdiplomatie, deren staatsmännische Klugheit in Talleyrands berühmtem Satz bestand: „Die Sprache ist ein Mittel, um einen Gedanken zu verbergen." Vielleicht hieß man das vor etwa hundert Jahren Klugheit: heute ist das ein kindisches Mittel, das alle modernen Diplomaten längst schon an den Nagel gehängt haben. Aber in Frankreich spielt man noch in den besten Theatern Racines und Corneilles Tragödien und glaubt noch an den Klassizismus. An jenem Morgen hatte Delcasse viel für Frankreichs Rechnung verspielt — nicht nur eine jüdische Legion, sondern noch viel mehr. Ich kam zu ihm nicht nur aus eigenem Entschluß. Der Besuch war das Resultat meiner Beratungen mit Professor Chaim Weizmann. Einige Tage vorher wTar er in Paris. Er begann schon damals wichtige Verhandlungen mit englischen Staatsmännern, ihrer Sympathie war er sicher, aber ein Hindernis lag noch im Wege; die Engländer hatten Angst, Frankreich zu beleidigen, wenn sie hinsichtlich der Zukunft Palästinas auch nur den geringsten politischen Schritt allein unternehmen würden. Es war doch eine bekannte, generationenalte, internationale Tradition, daß Frankreich Syrien und Palästina als seine eigene Interessensphäre ansah. Schon damals wußte man in allen kompetenten Kreisen, daß die anderen Mächte es nicht zulassen würden, wenn Frankreich allein Palästina beherrschte. Allenfalls dachte man an ein Kondominium und deshalb war es für die zionistische Diplomatie von großer Wichtigkeit zu wissen, ob Frankreich bereit wäre, den Zionismus zu begünstigen. In diesem Fall wird man auf zwei Fronten arbeiten müssen, andernfalls könnte man sich ganz auf England konzentrieren, um eine günstige Stimmung für den Zionismus zu schaffen, und was vielleicht noch wichtiger war, in England Appetit und Begeisterung zu erwecken für ein ,,British Palestine". Das war Weizmanns Absicht. Obwohl ich seine Meinung wegen der Konzentrierung alter Hoffnungen auf ein Land nicht ganz teilte, begriff ich jedoch, wie wichtig es für ihn war, zu erfahren, ob Frankreich schon irgend einen Standpunkt in beziig auf die jüdischen Hoffnungen besitze. Persönlich mit Delcasse zu sprechen, war ihm, als englischem Staatsbürger, unbequem. Er erwartete in London ungeduldig das Resultat meines Interviews.