Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1928)
- Article
- Vom Nil zum Jordan
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 113 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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VOM NIL ZUM JORDAN 113 Einen einzigen Skeptiker fanden wir in Rom ■— natürlich einen Juden: Luigi Ltizatti. Dieselben Zweifel, dieselben Ausreden... Ein „jüdischer" Kopf! Aber der Gerechtigkeit halber muß ich wenigstens eines Juden Erwähnung tun, der sich als Anhänger erwies: Angelo Sereni, Präsident der Judengemeinde in Rom. Aber die Hauptursache lag darin, daß Italien noch unentschlossen am Scheidewege stand, und wir konnten nicht warten. Viel später, bereits in Palästina, sagte mir Levi Bianchini, der Kommandeur eines Kriegsschiffes, den die italienische Regierung in die erste „zionistische Kommission" delegiert hatte — eine interessante und tragische Figur, auf die ich noch werde zurückkommen müssen: ,,Es ist sehr schade, daß Sie gerade damals nicht in Rom geblieben sind und gewartet haben." Vielleicht hatte er recht. 1 aris: wieder eine Niederlage. Ich fand dort einen großen Zionistenfreund: Gustave Ilerve. Der ältere Zeitungsleser wird sich an seine Geschichte vielleicht noch erinnern können. Vor dem Kriege war er ein verbissener Antimilitarisl: tür seine ,,unpatriotische" Haltung wurde ihm sogar seine Lehrerstelle entzogen. Dann gründete er eine Zeitung in Paris: „La Guerre Sociale." Aber als der Krieg ausgebrochen war, änderte er den Namen seiner Zeitung in „La Victoire" und leistete der Regierung die größte Unterstützung. Er ist einer der glänzendsten Publizisten Frankreichs. Es ist begreiflich, daß die Regierung seine Hilfe ganz besonders schätzte und ihn wie einen Liebling hätschelte. Und er war einer der wenigen, die schon damals verstanden, was der Zionismus an sich selbst und was er für jedes Land bedeute, das Aspirationen auf Palästina hegt. Er stellte mich dem Außenminister Delcasse vor. Delcasse ist tot. Mein Gespräch mit ihm lüftete mir zum erstenmal ein Geheimnis, das spätere Erfahrungen oft bestätigt haben: unter den Nichtjuden braucht man kein überragender Mensch zu sein, um ein großer Minister oder Staatsmann zu werden. Bei uns Zionisten ist das viel schwieriger. Es gibt kein autoritäres Forum, es gibt keine reale Macht, die Befehls- und Vollzugsgewalt besitzt: wir können bloß überzeugen, bloß beeinflussen. Wir müssen jeden Tag etwas schaffen" und anderen Tags wieder zu schaffen beginnen. Bei uns kann man nur „groß" werden, wenn man aus besonderem Stoff gemacht ist. Bei den glücklichen Nichljuden ist alles vorhanden: ein besserer Durchschnittsmensch mit einem gewissen