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Menorah · 1928-02-01 · Heft 2 (Februar 1928) · p. Seite 98

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 2 (Februar 1928)
Article
Ljuba Fiedler
Date
1928-02-01
Page
Seite 98 (sequence 28)
Language
German
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98 MENORAH blickte auf Ljuba. In ihren Augen leuchtete noch immer der Glanz des Stolzes und in ihrem Gesicht spiegelte sich die Freude über die eigene Wichtigkeit. Ljuba wollte auf sie zustürzen; doch in demselben Augenblick überschritt die Kratowa die Schwelle und dicht hinter ihr folgte der Offizier mit seinen Leuten. Ljuba blieb allein im Zimmer, allein mit ihrem schweren Gewissen und ihren Tränen. An der Wand glänzte die neue Seidenbluse. * Die wenigen Stunden bis zum Anbruch des Morgens dünkten Ljuba eine Ewigkeit. Sie schritt im Zimmer auf und ab und preßte die Hände an die schmerzenden Schläfen; dann sank sie müde auf ihr Bett, vergrub das Gesicht in den Kissen und weinte. Das Petroleum ging zu Ende und die Lampe blakte; Ljuba füllte sie wieder an — endlos schleppte sich die Nacht dahin. Endlich wich die Dunkelheit von den Fensterscheiben; es wurde Tag. Ljuba löschte die Lampe aus und öffnete das Fenster. Ein linder Wind wehte, der Himmel war klar und wolkenlos, zitternd erstarb das letzte Licht der Sterne. Ljuba fühlte sich müde und elend; sie sank auf einen Stuhl neben dem Fenster und sann nach. Die Helle des Tages brachte frische Klarheit in ihre Gedanken. Als sie am Morgen das Zimmer verließ, stand es unverrückbar bei ihr fest: sie mußte fort, fort von hier, wo ihr Leben so in die Irre gekommen war; fort mußte sie und in der Ferne wieder werden, was sie einst gewesen: die Ljuba Fiedler mit ihrer stillen Sehnsucht, ihrem stillen Leid, ihren stillen Träumen. Am Nachmittag desselben Tages trat sie in Dr. Weinsteins Zimmer. Ihr Gesicht erschreckte ihn. Sie war blaß und auf ihren Zügen lag ein Ernst, der geradezu furchtbar war. „Was haben Sie? Was fehlt Ihnen?'* rief Weinstein. „Nehmen Sie doch Platz .. Sie setzte sich nicht: „Ich komme Ihnen Lebewohl sagen, Doktor Weinstein; ich reise noch heute fort. Mir fehlen einige Rubel zur Reise; können Sie mir sie leihen?*' „Was ist das? Wie? Ich verstehe nicht. .. Setzen Sie sich doch!" Er schob ihr einen Sessel hin. Ljuba hatte sich vorgenommen, mit ihm hart zu sein. In der letzten Nacht war von Zeit zu Zeit ein tiefer Haß gegen ihn in ihr aufgeflammt, Doch als sie jetzt seinen weichen guten Blick auf sich ruhen fühlte, hatte sie wieder die alte Angst, ihn zu beleidigen, und setzte sich.

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