Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1928)
- Article
- Ljuba Fiedler
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 99 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2912821-2912879-2912882-2921524--06216-2921609- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
LJUBA FIEDLER 99 „Jetzt erzählen Sie in Ruhe — was ist vorgefallen? Warum reisen Sie?'4 „Ich muß fahren. Meine Studien habe ich beendet. Was soll ich hier noch weiter tun?" „Ljuba!" Weinsteins Stimme klang tiefernst, der leicht ironische Ton war völlig verschwunden. „Hören Sie mich, Ljuba! Bleiben Sie hier, bleiben Sie und werden Sie meine Frau! Ich liebe Sie . . ," Er faßte ihre Hand. Sie dachte einen Augenblick nach, dann zog sie sachte ihre Hand aus der seinen und sagte: „Nein, Doktor Weinstein, das ist unmöglich; Sie haben sich geirrt. Verzeihen Sie!" Die wenigen Worte sprach sie bestimmt und deutlich, mit Freude und Stolz, und fühlte dabei, wie mit jedem Wort ihr Herz freier und leichter wurde. Dr. Weinstein fuhr mit der Hand über die Stirn. Ein leidender Zug grub sich in sein Gesicht. Er schritt ein paarmal durch das Zimmer und sagte dann: „Auch ich bitte Sie um Verzeihung . . Als Ljuba ging, drückte er ihr fest die Hand; auf seinem Gesicht lag wieder das kühle Lächeln, das wie sonst seine Worte begleitete: „Entschuldigen Sie vielmals; seien Sie mir nicht böse!" Einige Tage später hatte Ljuba Fiedler Warschau verlassen. * Zwei Jahre später. Dr. Weinstein lebte im Ausland; sein Vater war gestorben und hatte ihm ein großes Vermögen hinterlassen. Er wußte mit dem Gelde nichts anzufangen. Ljuba hatte er vergessen. Der Zufall erinnerte ihn eines Tages an sie. Seit kurzer Zeit wohnte er an einem der schönen Schweizer Seen. Er kam von einem langen Abendspaziergang heim. Vor dem Einschlafen las er, wie gewöhnlich, im Bette die russische Zeitung, welche ihm täglich die Neuigkeiten aus dem Lande brachte, das ihm längst eine fremde Welt geworden war. Diesmal fiel sein Blick zufällig auf den Namen „Fiedler" in einer Notiz, und von der Erinnerung erfaßt, las er: „Gestern wurde die Mörderin des Generals A., die Jüdin Ljuba Isakowna Fiedler, gehenkt." In dieser Nacht fand Dr. Weinstein keinen Schlaf. Noch einige Tage nachher war er wie betäubt und träumte in ruhelosen Nächten von Bomben und von Erschlagenen, von Galgen und von steifen Menschenleibern, die der Wind hin und her schaukelt. (Aus dem Jiddischen übertragen von Siegfried Schmitz.)