Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1928)
- Article
- Ljuba Fiedler
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 97 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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LJUBA FIEDLER 97 Ljuba antwortete bissig: „Suchet, wenn es euch beliebt!" Auf ein Kommando des Offiziers durchstöberten die Polizisten das ganze Zimmer, suchten im Bett und unter dem Bett, klopften die Wand nach einem geheimen Hohlraum ab. Doch sie fanden nichts mehr. Die Kratowa stand die ganze Zeit beim Tisch. Sie wußte, daß sie verhaftet sei, und hatte das Gefühl, sie dürfe sich aus eigenem Willen nicht bewegen. Ljuba saß am Bettrand und in ihrem Innern tobte ein furchtbarer Kampf: „Nein, so darf es nicht bleiben!" rief es in ihr. „Es muß. es muß gesagt werden, daß das mir gehört!'4 Und sie traf Anstalten, es zu sagen. Doch da sprach eine andere Stimme: „Marfa ist damit nicht geholfen. Es sind nur zwei Opfer, statt eines. Übrigens — ich werde ja wahrscheinlich auch verhaftet und dann, beim Verhör, ist noch Zeit genug, alles aufzuklären .. Plötzlich wandte sich die Kratowa zu ihr um. Die Blicke beider Mädchen trafen einander und in diesem Augenblick fühlte Ljuba einen brennenden Schmerz im Herzen. „Schande! Schande! Ich bin falsch, bin gemein, eine schändliche Verräterin!" So beschimpfte sie sich in Gedanken ... Das Protokoll war fertig. Der Offizier las es durch, unterschrieb und reichte es der Kratowa zur Unterschrift. Ljuba wußte jetzt sicher, daß nur die Kratowa verhaftet sei, und machte eine letzte Anstrengung: „Nehmt auch mich mit!" sagte sie zum Offizier. Der strich wieder seinen Schnurrbart und erwiderte lächelnd: „Auch für Sie wird die Zeit kommen, mein Fräulein! Inzwischen genießen Sie noch Ihre Freiheit. Und Sie, Beschuldigte," er wandte sich zur Kratowa, „haben Sie die Güte, Ihre Toilette zu beenden. Wir gehen!" Die Kratowa zog ihre Jacke an und nahm von der Freundin Abschied. Ihre An gen glänzten freudig; sie drückten aus, daß sie sich an den Gedanken, verhaftet zu sein, schon gewöhnt hatte und stolz war, weil sie sich so gut gehalten hatte: „Lebe wohl! Wenn meine Eltern nach mir fragen, so schreibe ihnen, was vorgefallen ist; schreibe auch, daß ich bald freikomme! Vergiß das nicht!" Die beiden Mädchen küßten einander. „Lebe wohl, Teure!" sagte Ljuba; es drängte sie, etwas zu ihrer Entschuldigung hinzuzufügen, doch sie brachte kein Wort heraus. Plötzlich brach sie in lautes Weinen aus: „Verzeih' mir ... verzeih'. ..," stammelte sie schluchzend, „ich bin ein falsches Ding, eine Verräterin! ..." Die Kratowa wurde abgeführt. In der Tür wandte sie sich um und