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Menorah · 1928-02-01 · Heft 2 (Februar 1928) · p. Seite 95

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 2 (Februar 1928)
Article
Ljuba Fiedler
Date
1928-02-01
Page
Seite 95 (sequence 25)
Language
German
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LJUBA FIEDLER 95 VI. Der Winter ging zu Ende. Die Vorfrühlingstage begannen und durch die Luft hauchte jenes weiche frische Wehen, das weckt und ermuntert und süße Unruhe in alles Leben bringt. Unruhig war die Natur, unruhig und sehnsuchtsvoll waren die Herzen. Noch mehr als die Tage waren die Nächte voll von Sehnsucht und bebender Hoffnung. Der linde Wind weckte jeden Nerv und ließ das Blut schneller in den Adern kreisen. Die Herzen zitterten und halbvergessene Träume woben sich zu leuchtendem Gespinst. Eine gefährliche Zeit für junge Herzen! .. . Um Mitternacht war Ljuba, die ihre Ausbildung im Spital vollendet hatte, heimgekommen, hatte sich entkleidet und ins Bett gelegt; doch sie fand keinen Schlaf. Die Kratowa schlief fest. Sie hatte nicht einmal gehört, daß Ljuba gekommen war und ihren Platz im Bett neben ihr einnahm. Ein gutes, zufriedenes Lächeln lag auf ihrem Gesicht, ihr voller Busen hob und senkte sich gleichmäßig, kein Muskel ihres Gesichtes regte sich. Sie war ruhig, ruhig und schlief traumlos, Bild, Sinnbild des jungen blühenden Lebens, das ohne Furcht, ohne Bangen und ohne Sehnsucht auf das Glück wartet, das kommen muß, kommen wird. Ljuba hatte die Lampe schon ausgelöscht; sie zündete sie wieder an. Im Bett war es eng, im Zimmer dumpf. Sie hatte den unbestimmten Wunsch, laut aufzulachen oder laut zu weinen, aufzuschreien oder mit stillen Tränen ihr Herzleid vor jemand in vertrauten Worten zu ergießen. „Gott, mein Gott!" seufzte sie. „Warum zittert jeder Nerv in mir? Was drückt so auf mein Herz? Welches Gift hat mein Blut in Bewegung gebracht? Was soll ich tun? Was werde ich tun? Warum ist gerade mein Leben so wirr geworden?" Und Ljuba phantasierte mit wachen Augen von einem brünetten jungen Mann mit schwarzem Haar, blitzenden Augen und starken Armen — er wird kommen und sie fest in seine Arme drücken, daß jedes ihrer Glieder seine junge Kraft spürt; und er, der Erlöser, trägt sie in seinen Armen weit, weit fort — ins Dorf und dort lebt sie auf zu glücklichem, reinem, schönem Leben . .. Die Torglocke schellte. Ljuba fühlte, wie sie erschrak und schämte sich dieser Angst. Sie dachte daran, daß ihr dieses Gefühl früher fremd gewesen war; erst in der letzten Zeit war sie ängstlich geworden . .. Sie hielt den Atem an und horchte. Tritte stapften die Treppe empor;

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