Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1928)
- Article
- Ljuba Fiedler
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 94 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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94 MENORAH heiraten sollte, den sie — vielleicht — nicht liebte. Schrecklich war es, sich vorzustellen, daß er vielleicht nur sein Spiel mit ihr trieb und sie verlassen werde, schrecklich war der Gedanke an ein neues Leben voll Not, Mangel und Langeweile und schrecklich, qualvoll schrecklich war die Schande vor den Kolleginnen, vor sich, vor ihrem eigenen Gewissen! . .. Auf dem Kleiderhaken an der Zimmertür hing eine neue, kostbare Seidenbluse. Diese Bluse hatte ihre Geschichte: In der Oper trat ein berühmter Gast auf. Sonja hatte eine Loge für sich, ihren Mann und Dr. Weinstein; Ljuba sollte die Vierte sein. Als Dr. Weinstein ihr den Antrag stellte, mit ihm und seinen Angehörigen in die Loge zu gehen, hielt sie es zuerst für einen Scherz. Als er jedoch immer wieder davon sprach, lachte sie: „Reden Sie keinen solchen Unsinn! In eine Loge, in solcher Kleidungl . .." Er antwortete nicht. Als sie dann an einem großen Damenkleider - magazin vorübergingen, blieb Dr. Weinstein stehen und drang in sie. sich etwas zu kaufen: „Sie haben ja Honorar für die Lektionen zu bekommen, indessen lege ich die paar Rubel aus." So wurde die Bluse gekauft. Im Theater war es Ljuba geradezu unheimlich unter den Blicken Sonjas und ihres Mannes, der sie unaufhörlich durch seine Brillengläser anstarrte und kein Wort zu ihr sprach. Auf diese Bluse nun konnte Ljuba seither nicht gleichgültig hinsehen; denn sie erzählte von einer Wandlung, die in ihr vor sich gegangen war. „Weißt du, was ich tun werde?" sagte sie eines Abends unvermittelt zu der Kratowa. „Morgen trage ich die Bluse ins Versatzamt, dann haben wir Geld, um unser Mittagessen zu bezahlen." „Nein, das darfst du nicht. Sie kleidet dich so gut. Du siehst wundervoll aus, wenn du die Bluse trägst." „Du machst dich über mich lustig, du hast mich schon nicht mehr lieb, nicht wahr? Sag' es mir! ..." Bei den letzten Worten zitterte Ljubas Stimme. Die Kratowa antwortete nicht. Langsam strich ihre feste Hand über Ljubas Stirn, dann sprach sie leise: „Du bist eine Närrin!" Und auf ihrem Gesicht lag das breite, ruhig-sichere russische Lächeln ...