Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1928)
- Article
- Ljuba Fiedler
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 93 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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LJUBA FIEDLER 93 Ljuba errötete und stammelte ein paar verlegene Worte. Sonja fuhr fort: „Ein Prachtmensch ist er, nur etwas sonderbar. Sagen Sie mir — wozu hat der Mann Medizin studiert, wenn er seine Praxis nicht ausüben will? Er hat es allerdings nicht nötig, denn sein Vater ist reich und gibt ihm, wenn er heiratet, 30.000 Rubel." Sie schwieg, um zu sehen, welchen Eindruck die letzten Worte gemacht hatten; ihre schwarzen Augen blitzten Ljuba großartig an. Ljuba merkte zum erstenmal, daß in den Augen dieser Frau Kälte und Feindseligkeit saß. „Die Medizin ist schon an und für sich eine interessante Wissenschaft. Warum soll man sie nicht um ihrer selbst willen studieren, wenn man die Möglichkeit dazu hat?" entgegnete sie kurz und erhob sich, um zu gehen. „Warten Sie, Fräulein, Alexander kommt sofort." Wieder bemerkte Ljuba den kalten, verächtlichen Blick und ging wortlos. „Wie unsympathisch ist doch diese Frau und ihr hochmütiger Bourgeoisstolz!" ging es ihr durch den Kopf, als sie die Tür schloß. Sie fühlte, daß sich in ihrem Herzen Haß regte, tiefer Haß gegen die schöne Frau mit dem schwarzen Haar, der langen schmalen Nase, den schwarzen geraden Brauen und dem kalten Blick. Es war jener blinde Haß, den Frauen gegen Frauen hegen, die sich ihnen in den Weg stellen — ein schweigender, brennender Haß. Und doch mußte sie täglich in das Haus dieser Frau kommen, mit ihr sprechen, lächeln, eine freundliche Miene machen. Für ihr gequältes, zerrissenes Herz war das schwer zu ertragen. Wenn sie sich ihrer Absicht, ins Dorf zu gehen, erinnerte, zuckte ihr Herz und wirre Gedanken kreisten in ihrem Kopf: „Schrecklich, unerträglich!" seufzte sie. .. Wieder saß sie bei Dr. Weinstein im Schaukelstuhl; er erzählte ihr etwas mit seiner weichen Stimme und sah sie mit verliebten Blicken an. Da wurde ihr wieder froh ums Herz und sie lachte hell.. . Er faßte ihre Hand — sie wollte abwehren und schwieg. Er küßte ihr Haar, berührte mit den Lippen leicht ihre Stirn — sie wollte schreien und schwieg. Erst wenn sie heimkam und in ihrem Zimmer ihre Broschüren las oder mit der Kralowa sprach, wurde ihr das Herz schwer; wieder kreisten wirre Gedanken in ihrem Kopf und sie seufzte: Schrecklich! Unerträglich!" Unerträglich, schrecklich war alles. Schrecklich war es, an das Glück zu denken, das ihrer wartete, der ungehemmte Genuß von Reichtum und Wohlleben. Schrecklich war der Gedanke, daß sie einen Mann