Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1928)
- Article
- Ljuba Fiedler
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 92 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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92 MENORAH Ljuba wurde rot, sagte kurz, sie habe keine Zeit, und ging. Im Hause gefiel sie allen — das wußte Ljuba und es wunderte sie nicht; einen guten Eindruck zu machen war ihr zur Gewohnheit geworden, mit der sie zusammenlebte wie ein Künstler mit seiner Kunst, wie eine ungewöhnlich schöne Frau mit ihrer Schönheit. Auch der kleine Boris hing an ihr und freute sich, wenn sie kam; dafür haßte er seine Gouvernante, das deutsche Fräulein, um so mehr. „Warum ich Fräulein Ljuba lieb habe? Weil sie ein gutes Fräulein ist, und das Fräulein — ein böses!" so sprach er, wenn die Mutter ihm wegen seiner Ungezogenheit gegen die Gouvernante Vorwürfe machte. Sonja erzählte das Ljuba und fragte sie: „Sagen Sie, bitte, weshalb haben die Kinder Sie so gern?" „Ja, Kinder haben mich gern. Denn ich liebe sie sehr, ich liebe Kinder überaus." Während Ljuba dies sagte, betrachtete Sonja scharf ihr längliches Gesicht; es ging ihr nicht ein, was an diesem Gesicht gefallen konnte. „Angenehm, nichts weiter", entschied sie bei sich. In ihrem Innersten verachtete Sonja eigentlich das Mädchen; doch sie verhielt sich mit ihr und behandelte sie als ihresgleichen. Denn ihr gefiel die Rolle, die sie, Sonja, in Alexanders Herzensangelegenheit spielen durfte; es wäre für sie unerträglich gewesen, daß ihr Schwager heiratete, ohne daß sie daran tätigen Anteil nehmen durfte. Sie wollte auch ihren Mann in die Sache hineinziehen, doch der lehnte ab . . , „Was sagst du zu Alexanders neuestem Streich, Jefim? Er hat sich, das weißt du doch, in die Lehrerin verliebt..." Jefim Weinstein zuckte mit den Achseln und antwortete gleichgültig: „Gut, meinetwegen kann er sie heiraten!" „Heiraten!? Ha, ha, ha! Was fällt dir ein? Bist du bei Trost? Sie ist ein armes Mädel, eine Studentin..." „Willst du mir folgen, Sonja? Dann bitte ich dich inständig, menge dich in die Sache nicht ein. Er ist ein verrückter Hartschädel, und wenn du ,nein4 sagst, sagt er erst recht ja'!" Doch Sonja ließ die „Sensation" keine Ruhe. Sie schrieb ihren Schwiegereltern darüber, horchte ihren Schwager aus, spionierte — mit einem Wort: sie hatte zu tun. Einmal führte sie mit Ljuba ein Gespräch über ihren Schwager: „Wie gefällt Ihnen unser Alexander, Fräulein? Ein prächtiger Mensch, was?"