Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1928-02-01 · Heft 2 (Februar 1928) · p. Seite 92

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 2 (Februar 1928)
Article
Ljuba Fiedler
Date
1928-02-01
Page
Seite 92 (sequence 22)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2912821-2912879-2912882-2921524--06209-2921602
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

92 MENORAH Ljuba wurde rot, sagte kurz, sie habe keine Zeit, und ging. Im Hause gefiel sie allen — das wußte Ljuba und es wunderte sie nicht; einen guten Eindruck zu machen war ihr zur Gewohnheit geworden, mit der sie zusammenlebte wie ein Künstler mit seiner Kunst, wie eine ungewöhnlich schöne Frau mit ihrer Schönheit. Auch der kleine Boris hing an ihr und freute sich, wenn sie kam; dafür haßte er seine Gouvernante, das deutsche Fräulein, um so mehr. „Warum ich Fräulein Ljuba lieb habe? Weil sie ein gutes Fräulein ist, und das Fräulein — ein böses!" so sprach er, wenn die Mutter ihm wegen seiner Ungezogenheit gegen die Gouvernante Vorwürfe machte. Sonja erzählte das Ljuba und fragte sie: „Sagen Sie, bitte, weshalb haben die Kinder Sie so gern?" „Ja, Kinder haben mich gern. Denn ich liebe sie sehr, ich liebe Kinder überaus." Während Ljuba dies sagte, betrachtete Sonja scharf ihr längliches Gesicht; es ging ihr nicht ein, was an diesem Gesicht gefallen konnte. „Angenehm, nichts weiter", entschied sie bei sich. In ihrem Innersten verachtete Sonja eigentlich das Mädchen; doch sie verhielt sich mit ihr und behandelte sie als ihresgleichen. Denn ihr gefiel die Rolle, die sie, Sonja, in Alexanders Herzensangelegenheit spielen durfte; es wäre für sie unerträglich gewesen, daß ihr Schwager heiratete, ohne daß sie daran tätigen Anteil nehmen durfte. Sie wollte auch ihren Mann in die Sache hineinziehen, doch der lehnte ab . . , „Was sagst du zu Alexanders neuestem Streich, Jefim? Er hat sich, das weißt du doch, in die Lehrerin verliebt..." Jefim Weinstein zuckte mit den Achseln und antwortete gleichgültig: „Gut, meinetwegen kann er sie heiraten!" „Heiraten!? Ha, ha, ha! Was fällt dir ein? Bist du bei Trost? Sie ist ein armes Mädel, eine Studentin..." „Willst du mir folgen, Sonja? Dann bitte ich dich inständig, menge dich in die Sache nicht ein. Er ist ein verrückter Hartschädel, und wenn du ,nein4 sagst, sagt er erst recht ja'!" Doch Sonja ließ die „Sensation" keine Ruhe. Sie schrieb ihren Schwiegereltern darüber, horchte ihren Schwager aus, spionierte — mit einem Wort: sie hatte zu tun. Einmal führte sie mit Ljuba ein Gespräch über ihren Schwager: „Wie gefällt Ihnen unser Alexander, Fräulein? Ein prächtiger Mensch, was?"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.