Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1928)
- Article
- Ljuba Fiedler
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 91 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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LJUBA FIEDLER 91 genehm: Ljuba saß im Schaukelstuhl und Weinslein sprach. Sie lachte froh, vergaß ihre Sorgen und fühlte, daß alles, was sie tat, gefiel, was sie sprach, am Platz war, daß ihr Lachen niemanden störte, sondern im Gegenteil Vergnügen schuf. Manchmal stand Weinstein hinter ihr und schaukelte sie leicht und langsam, wie man ein Kind wiegt. Oft beugte er sich so nahe über sie, daß seine Lippen ihr Gesicht fast im Kuß berührten. Sie erwartete es und erschrak davor; sie wußte nicht, wie sie darauf antworten sollte. „Nein, das wird er nicht wagen." Und doch sah sie oft in sein Gesicht und suchte darin sympathische und schöne Züge, etwas, das ihr gefallen könnte. „Was ist das eigentlich für eine Idee von Ihnen, sich in einem Dorf niederzulassen? Dort werden Sie hinwelken und sich mit der Arbeit unter Bauern, die Ihnen wildfremd sind, zermürben. Schade um Ihre Jugend, ja, Ihre Jugend, um Ihre Schönheit, die in irgend einem Winkel im Gouvernement Archangelsk oder sonstwo vergraben sein soll. Wenn man unter Arbeitern arbeitet, in einem Kulturzentrum — das kann ich verstehen, das ist auch jetzt modern. Aber wie kommen Sie, ein junges jüdisches Mädchen, zu russischen Bauern? Das werden Sie nicht tun." Ljuba antwortete lachend: ,,Sie sprechen so bestimmt, daß ich es nicht tun werde! Lassen wir lieber das Thema! Ich höre es nicht gern, wenn Sie so sprechen!" Ihre Miene wurde ernst. Sie fühlte es jetzt erst aus seinen Worten, aus seinen Blicken, aus seinem ganzen Verhalten: er liebt mich, und früher oder später kann es eintreten, daß ich seine Frau werde! Seine Frau werden! Sie erschrak vor dem Gedanken. So viel Ungewöhnliches lag darin und sie wußte nicht, ob sie vor einem großen Unglück oder vor einem großen Glück erschrak. Bald nachdem Ljuba in das Haus von Weinsteins Bruder gekommen war, bemerkte sie, daß man sie dort auf besondere Art, nicht wie eine gewöhnliche Lehrerin, behandelte. Sonja kam ins Zimmer, wo der kleine Boris unterrichtet wurde, erkundigte sich nach den Fortschritten ihres Söhnchens und plauderte dann lange mit Ljuba über dies und jenes; dabei fühlte Ljuba ständig ihre schwarzen Augen auf sich ruhen und in dem Blick dieser schwarzen Augen las sie hungrige Neugier und heimliches Lachen. Oft, wenn Ljuba die Lektion beendet hatte und fortgehen wollte, trat plötzlich Sonja ein und sagte halb ernst, halb spöttisch: „Bleiben Sie noch eine Minute, Fräulein, Alexander ist bald hier."