Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1928)
- Article
- Ljuba Fiedler
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 90 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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90 MENORAH ein dunkler Abgrund! Zwischen den zwei Welten gab es keine Harmonie, konnte es keine geben; und einen Ausweg fand Ljuba nicht. So litt sie still. „Das beste ist, nicht darüber nachzudenken", beschloß sie; doch die Gedanken arbeiteten in ihrem Kopf auch gegen ihren Willen. Sie fühlte: sowie sie die wenigen Straßen durchschritten hatte und in das Haus der Weinsteins trat, wurde sie eine andere, sprach anders, lachte anders, dachte anders. Und zu Hause, im Spital, unter ihren Kolleginnen und Bekannten war sie wieder eine andere. Sie fühlte es nicht allein; auch ihre Kolleginnen merkten es, und Ljuba wurde Gegenstand ihrer Gespräche. Hätte jetzt jemand aus ihrem Kreise gesagt: „Ljuba Fiedler ist eine ausnehmend liebe Person", er hätte bei niemandem ein Wort der Zustimmung gefunden. In Wirklichkeit war Ljuba noch immer dasselbe liebe, freundliche und graziöse Mädchen wie früher; sie hatte denselben klugen, ein wenig schwermütigen Blick, das gute Lächeln, war wie früher stets bereit, fremden Kummer und fremdes Leid anzuhören — und doch war sie eine andere, fremd ihrem Kreise. Menschen, die ihren Bekannten als Muster ohne Fehl gelten, verlieren mit einemmal ihren ganzen Nimbus, wird an ihnen die geringste Veränderung bemerkt; die gilt dann als Makel. So war es mit Ljuba; alle aus ihrem Kreise waren jetzt überzeugt, daß sie sich in ihr getäuscht hatten. Esfira, das Haupt der revolutionären Gruppe, der Ljuba angehörte, eine ältere, häßliche Studentin, kam eines Nachts in Ljubas Wohnung und brachte ein Paket Broschüren und Proklamationen. Statt sie, wie sonst, Ljuba in Verwahrung zu geben, reichte sie diesmal das Paket der Kratowa mit dem Auftrag, im Spital so viel als möglich davon zu verteilen und den Rest zu verwahren. Dann wandte sie sich an Ljuba und fragte: „Was macht dein Beschützer?" Ljuba errötete; die Kränkung trieb ihr Tränen in die Augen. „Wieso ist er mein Beschützer?" antwortete sie und vergaß in ihrer Verwirrung, daß Esfira keinen Namen genannt hatte. „Darf ich denn keine Bekannten haben? Ich verstehe nicht.. ." „Wer sagt denn, daß du das nicht darfst, meine Liebe? Meinetwegen heirate ihn. Warum auch nicht? Er ist eine gute Partie . .. Übrigens, ich habe keine Zeit zum Plaudern." Sie wartete Ljubas Antwort nicht ab, grüßte und ging. In Ljubas Herz brannte schwere Kränkung. Mit Dr. Weinstein traf sie fast täglich zusammen; entweder erwartete er sie nach der Unterrichtsstunde bei der Schwägerin oder sie kam in seine Wohnung. Dort verging die Zeit zumeist sehr an-