Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1928)
- Article
- Ljuba Fiedler
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 89 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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LJUBA FIEDLER 83 Eine halbe Stunde später war Dr. Weinstein auf der Straße, Es war ein frostheller Winterabend. Als Weinstein aus dem Haustor trat, schlug es neun. Er blieb stehen und sah sich um: „Wohin geht man?" Er war gewohnt, spät schlafen zu gehen. Jetzt in seiner einsamen Wohnung zu lesen hatte er keine Lust; fürs Theater war es schon zu spät; so ließ er sich von dem Menschenstrom treiben, der sich auf der Straße bewegte. „Wie gut wäre es, wenn ich sie jetzt zufällig träfe!" Doch traf er sie nicht. Zwei Stunden schlenderte er so durch Straßen und Gassen, saß kurze Zeit in einem Cafe und ging dann mit unruhigem Gemüt heim: „Wozu habe ich ihr die Lektion bei der Schwägerin verschafft? Die braucht in Wirklichkeit gar keine Lehrerin und will nur ihre Neugier befriedigen. Ljuba wird gewiß gekränkt sein, wenn sie erfährt, daß ich sie einführe, um sie zu präsentieren. Ewig dasselbe Lied — ich kann nie den geraden Weg gehen, immer Kleinlichkeit, Halbheit, keine Kraft, kein Mut... Niedrig, gemein! ..." Solche und ähnliche Gedanken brachte ihm die Einsamkeit. Schließlich schob er alle Schuld auf seine Zerrissenheit und seine jüdische Abstammung und damit beruhigte er sich, wie er es schon oft getan. „Eine minderwertige Rasse!" war sein tröstender, trostloser Gedanke . . . Am nächsten Morgen schrieb er ein Billett an Ljuba Fiedler, darin er sie zum erstenmal mit „Liebe Ljuba" ansprach, nicht, wie bisher, mit „Geehrtes Fräulein Fiedler": „Gehen Sie, bitte, in die Marszalkowska 2. Dort ist eine Lektion für Sie. Sehen Sie, ich vergesse Sie nicht! Warum besuchen Sie mich nicht? Ich sehne mich nach Ihnen. Einige Tage später ging Ljuba täglich pünktlich um ein Uhr nachmittags zu Weinsteins Bruder ihre Lektion geben; und wenn sie dann aus dem Zimmer trat, wo sie den kleinen Boris unterrichtete, traf sie gewöhnlich Dr. Weinstein, der auf sie wartete . . . JLIen ganzen Winter lebte Ljuba in zwei Welten. In der einen: ihre Kolleginnen, die revolutionäre Gruppe, das Studium, das Spital, ihr enges Zimmer. Die andere: Dr. Weinstein, seine Schwägerin, der kleine Boris, Theater, Konzerte, Cafe. Auf der einen Seite lag ihr festes Ziel: nach Beendigung des Studiums ins Dorf! Auf der anderen Seite lag — Ihr Dr. A. Weinstein." V.