Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1928)
- Article
- Ljuba Fiedler
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 85 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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LJUBA FIEDLER 85 Gelegenheit benützen, um Sonja wegen einer Lektion zu fragen. „Da fällt es mir gerade ein," begann er, „wenn Sonja will, kann sie die Bekanntschaft des Mädchens machen. Fräulein Fiedler sucht Lektionen. Weiß Sonja vielleicht von einer?" „Das trifft sich ausgezeichnet!" Sonja sprang auf. „Ich suche gerade eine Lehrerin, die meinen Boris im Russischen unterrichten würde. „Bisher hast du nichts davon erzählt", ging es Weinstein durch den Kopf, doch er sprach es nicht aus. Jefim, Weinsteins Bruder, trat ins Zimmer, ein großer breitschulteriger Mann von vierzig Jahren, mit kleinen Augen hinter einer goldgefaßten Brille und mit ziemlich großer Glatze. Er trug keinen Bart; nur an der Spitze des Kinns wuchsen kurze borstige Haare, die wahrscheinlich dazu dienten, die Finger ihres Trägers zu bürsten, wTenn er angestrengt nachdachte. Er trat wie stets lautlos und unbemerkt ein, setzte sich, ohne zu grüßen, an den Tisch, zog eine Zeitung aus der Tasche und begann zu lesen. Die Zeitung war für ihn Erholung von seinen vielen Geschäften, von den unaufhörlichen Gedanken an Käufe, Schlüsse, Wechsel, Termine und Spekulationen, die ohne sein Zutun immerwährend in seinem Kopf durcheinanderschwirrten. „Wünschest du schon das Abendessen?" fragte Sonja. „Noch nicht", antwortete er leise. Er legte die Zeitung weg, da er jetzt erst seinen Bruder bemerkte. „Wenn du ins Ausland fährst, sage es mir. Ich kann dir einen billigen Paß verschaffen; ich habe Verbindungen", wandte er sich an Alexander. „Er fährt noch nicht so bald!" warf Sonja ein und sah ihren Schwager mit bedeutungsvollem Lächeln an. Jefim antwortete nichts und nahm wieder die Zeitung zur Hand. Doch Sonja nahm sie ihm weg und sagte: „Auf eine Minute kommt er nach Hause und nimmt sich nicht einmal Zeit, ein Wort zu reden!" Jefim hörte aus dem Ton ihrer Worte heraus, daß sie ein Anliegen hatte, und machte sich bereit; er hob den Kopf, fuhr mit den Fingern über die kurze Kinnbürste und fragte mit lachender Miene: „Was wünschest du, mein Kind?" „Ich wünsche zunächst, daß du mit mir sprichst!" antwortete sie spitz. „Ich will Boris eine Lehrerin fürs Russische nehmen." „Wo ist Boris? Schläft er schon?" Sonja ging ins Nebenzimmer und kam bald zurück, einen halbentkleideten schönen blonden Knaben von etwa sieben Jahren an der