Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1928)
- Article
- Ljuba Fiedler
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 84 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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84 MENORAH borener Sozialist und deine ,Erwählte4 ist auch eine Sozialistin. Siehst du, ich weiß alles, alles!" „Warum fragst du dann, wenn du alles weißt?" fragte Weinstein rauh, fast zornig. Sonja lachte kokett auf: „Aha! Der Zorn hat dich verraten! Du glaubst, es sei ein Geheimnis. Aber alle wissen es schon. Wohin ich komme, fragt man mich darüber." Weinstein war starr vor Staunen. Er hatte gar keine Bekannten in Warschau und konnte nicht begreifen, woher das Gerede über ihn kam. „Wer sind ,Alle'?" fragte er ernst und streng. „Wer hat dir die Geschichte in den Kopf gesetzt? Wer ist so besorgt um mein Wohl und Wehe? Ich kenne doch hier niemanden außer dich und meinen Bruder." „Wenn du auch die Leute nicht kennst, dich kennt man", antwortete Sonja in ernstem Ton und nannte ihm etliche Familien, wo man von ihm gesprochen und ihr als verbürgte Tatsache erzählt hatte, er, Dr. Weinstein, habe eine Braut. Er konnte sich nicht genug wundern, woher seine Schwägerin ganz genau wußte, wie das Mädchen aussah, daß sie eine Studentin und eine Revolutionärin sei. Sonja konnte ihm sogar die Tage nennen, da er mit Ljuba in der Philharmonie, im Theater gewesen, wann und wo er mit ihr gegangen war. Weinstein schüttelte den Kopf: „Ei, ei! Ich wußte bisher gar nidjt, daß ich hier so populär bin. Das muß man anerkennen — spioniert wird hier vortrefflich. Das hätte ich mir nie einfallen lassen!" Das Gespräch stockte. Sonja blickte ihren Schwrager schelmisch lächelnd an, als wollte sie sagen: „Jetzt mußt du doch mit der Sprache heraus." „Nein, Schwägerin," begann Weinstein, „das Gerede ist müßig; ich habe keine Braut. Und was das Mädchen anlangt — es ist wirklich eine sehr sympathische Person, eine gute Bekannte, mit der ich gern plaudere." „Nicht lügen, Alexander!" Sonja drohte ihm mit ihrem weißen runden Finger. „Mein Wort darauf, ich habe keinerlei ernste Absichten!" Er erschrak über das Wort, das er verpfändet hatte. „Keine ernsten Absichten?" fragte er sich und runzelte nachdenklich die Stirn. Ein Gedanke blitzte in ihm auf. Er wußte, daß Ljuba Geld brauchte. Ihr welches anzubieten hatte er nie gewagt, denn er wußte, in welcher Art er es auch täte, sie würde beleidigt sein. Einmal hatte sie ihm nun gesagt, daß sie Lektionen suchte; da wollte er jetzt die